Herrentierwitze (2015-2017)




Vorbemerkung (Wien, Dezember 2023): Zu einem guten Teil bestand der Antrieb für die Produktion der folgenden Texte aus Ärger darüber, wie tierethische Aspekte der menschlichen Ernährung in den Medien behandelt oder vielmehr nicht behandelt wurden. Die Situation hat sich inzwischen etwas verbessert. Auch in den Massenmedien wird heute vermehrt an der industriellen Tierhaltung Kritik geübt, und weniger am einfachsten Mittel, sich ihrer Finanzierung zu verweigern: am Veganismus. Weitgehende Verdrängung kennzeichnet allerdings weiterhin den öffentlichen Diskurs. Meist, wenn es nicht nur um Klimaschutz geht, sondern auch um Tierqualen, werden zwar "Missstände" in der konventionellen Tierhaltung thematisiert, nicht aber, dass diese per se einen einzigen Missstand darstellt. Weiterhin wird versucht, den offensichtlichen Zusammenhang zwischen der institutionalisierten Brutalität der Zuchtbetriebe und dem Stück Fleisch auf dem Teller mit von altem Bratfett benebeltem Stammtischhumor zu verschleiern. Oder aber selbsterklärte Menschenfreunde, die moralisch weniger empört, dass anderen das Leben verdorben wird, als ihnen selbst der Appetit, berufen sich auf einen zweckdienlich als Anthropozentrismus missverstandenen Humanismus, nur um damit Aggressionen zu kaschieren, die ans zähnefletschende Knurren von an einem Kadaver fressenden Raubtieren gemahnen. Aus diesen allzumenschlichen Gründen erscheinen mir die damals entstandenen Texte in ihrer offenkundigen Polemik immer noch angebracht genug, um sie hier gesammelt zu präsentieren.





"Das tut mir jetzt mehr weh als dir, du Schwein", dachte sich der Mensch und biss in seine Schnitzelsemmel. [Das Folgende wird schmatzend vorgetragen:] "Dein Leben mag das reinste Martyrium gewesen sein, doch der Umstand, dass ich zu den zahlenden Unterstützern der Fleischfabrik zähle, die dir von Geburt an die Hölle heiß machte, als hättest du alle Sünden dieser Welt geerbt, als wären schon im Leib deiner künstlich befruchteten Muttersau, dieser unbefleckten Empfängerin, die bösen Geister in dich gefahren, dieser Umstand betrübt mich sehr, sehr ... Aber können wir denn dem Löwen zum Vorwurf machen, dass er Antilopen reißt? Wäre es nicht genauso lächerlich, dem Österreicher zum Vorwurf zu machen, dass er sich in der Fleischabteilung des Supermarkts geschmeidig wie eine Raubkatze ans in Plastik eingeschweißte Schnitzel anpirscht, dass er als Wirtshausstubentiger lauthals nach dem Kellner brüllt und endlich seine mächtigen Amalgamplomben in die Panier des bestellten Körperteils schlägt? Das ist der Ruf der Wildnis, das ist die Natur! Und die Natur ist nun mal aufs Fressen und Gefressen-werden, aufs Töten und Getötet-werden, aufs betriebswirtschaftlich prozessoptimierte Züchten, Betäubungslos-kastrieren, Mästen, Transportieren, Schlachten und auf betriebswirtschaftlich prozessoptimierte Gezüchtet-, Betäubungslos-kastriert-, Gemästet-, Transportiert-, Geschlachtet-werden angelegt, ja, die Natur ist darauf angelegt, gleichsam programmiert. Verstehst du das, du Schwein? Nein, du verstehst es nicht, und darum bist du eben nur ein Schwein, und ich bin ein Mensch, die Krone der Schröpfung, äh, Schöpfung, also ihr verfetteter Herzkranz gewissermaßen, Herrschaft noch mal! Und ganz unter uns, mal von Mensch zu Schwein, sage ich dir ganz ehrlich: Die Hölle, in der du zeitlebens schmortest, ist ein Teil der allgemeinen Geschäftsbedingungen, denen ich mit jedem Bissen ungelesen zustimme, der Geschäftsbedingungen, die ich blindlings einspeichle und hinunterschlucke, denn über Geschmack kann man ja bekanntlich nicht streiten. Unstrittig ist auch, dass dein Platz auf Erden nur sehr, sehr beengt war, so beengt, dass du an Leib und Psyche qualvoll deformiert werden musstest, um überhaupt hineinzupassen und schließlich wirklich so weltarm zu werden, wie Heidegger es von dir behauptete. Schon mal was von Heidegger gehört, du Schwein? Nein? Na siehst du. Das ist eben der Unterschied zwischen mir und dir, dem Tier, dass ich jederzeit auf symbolisch gespeichteres Gedankengut zurückgreifen kann, während du gezwungen bist, in irgendeinem finsteren Kobel dein einsames Elend sprachlos in dich hineinzufressen, bis auch deine Schwarte endlich fett genug ist. Kurzum, um's auf den Punkt zu bringen: Du schmeckst so gut! Und genau darum ist deinem Schmerz, deinem Tod eine weitaus geringere moralische Relevanz einzuräumen als meinem bloßen Gusto. Alles andere wäre menschenverachtend. Das Fressen kommt nicht nur vor der Moral. Der Appetit geht über Leichen. Und zu Recht! Denn natürlich könnte ich auch was anderes essen, aber weil gerade du mir so gut schmeckst, rechtfertigt allein schon dieser geschmackliche Genuss für mich jede auch noch so grausame Qual, die dir möglicherweise zugefügt wird. Möglicherweise, sage ich, denn du kannst dein Leid ja nicht so richtig reflektieren, und ein Leid, das nicht so richtig reflektiert wird, das gibt's gar nicht. Ergo: Dir geht's wahrscheinlich eh ganz gut. Na okay, ich mein', so blöd bin ich ja auch nicht. Ich weiß sehr gut: Die glücklichen Paarhufer aus den Werbespots gibt's nur im Himmel,- in dem du allerdings jetzt dank mir vielleicht bist! Also ich stell mir einfach mal vor, dass du dort bist. Ich stell mir einfach mal vor, dass ich ein bisschen was dazu beigetragen habe, dass es dir jetzt so richtig gut geht."

"Die Einführung des Vegetarismus hat schon vor knapp 140 Jahren, als er zur Bewegung wurde, alles Mögliche für sich gehabt, nicht zuletzt auch den mampfenden Hohn der Idioten, deren Taschenbacken sich unfehlbar zum Feixen verziehen, wenn eine der primitiven Ideologien, von deren Ertrag sie sich mästen, ins Wackeln gebracht wird." (Hans Wollschläger, 1987)

- aus: Radio Irreparabel XVI / Seifenopernphantome (02.03.2015)





Als Jugendlicher beneidete ich die Tiere, von denen ich damals noch unreflektiert als "die Tiere" sprach, um das unmittelbare Erleben, das sie mir voraus zu haben schienen bzw. sich im Gegensatz zu mir bewahrt hatten. Eine existenzielle Verfassung, die dazu befähigt, im Augenblick zu leben, erschien mir als verlorenes Paradies, in das, unter Menschen, höchstens erleuchtete Zen-Meister es verstehen zurückzukehren. Heute glaube ich, dass in diesem Neid auch einiges an Überheblichkeit liegt, an Stolz auf die mit den hehren Qualen des Zweifels verbundene, vermeintliche Freiheit des menschlichen Denkens.

"Solche Definitionen scheinen deshalb plausibel, weil in ihnen (wie in fast jeder nicht-theologischen Anthropologie) das tierische Dasein als Vergleichsfolie benutzt wird und dabei ‚das Tier' (selbst eine bereits ad hoc erfundene Abstraktion) als Gefangener seines Spezies-Schicksals, also als unfrei, vorausgesetzt wird. Die Verifizierung dieser Voraussetzung ersparte man sich, sie galt (nicht zuletzt durch theologische Tradition) als selbstverständlich." (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen)

Atanazy, der Protagonist in Stanislaw Witkiewiczs grandiosem Roman "Abschied vom Herbst", rettet sich im Wald vor einer um ihre Jungen besorgten Bärin, indem er ihr eine ordentliche Prise aus seinem Kokainvorrat in den Rachen wirft. Angesichts der sich bald nur noch glückselig am Boden wälzenden Bärin kommt dem auch nicht gerade gering kokainisierten Atanazy ein für ihn furchtbar beschämender Gedanke: "Wie denn? Bin ich vielleicht genauso wie dieses unglückselige Vieh? Ist also meine ganze Verzückung, alles, was ich denke, nur eine armselige Schweinerei? Woher weiß ich, dass meine Gedanken etwas wert sind, wenn ich das nicht begreifen kann?" Und dieser Gedanke bringt den sympathischen Großkotz wenig später zu folgender Tirade: "Es ist doch klar wie die Sonne hier vor mir, dass man, anstatt den sozialen Materialismus zu propagieren, jeden, aber absolut jeden, vom Kretin bis zum Genie, bewusst aufzuklären hätte, dass dieses System von Begriffen und gemeinschaftlicher Tätigkeit, mit dem wir jetzt operieren, zu einer völligen Verblödung und Automatisierung führen muss, zu einem rein viehischen Glück, zum Verlust allen Schöpfertums, der Religion, der Kunst und der Philosophie (und diese Dreifaltigkeit war unbesiegbar); wenn das einmal jedem klar ist, so werden wir, indem wir dem mit einem kollektiven Bewusstsein und mit der Tat entgegenwirken, imstande sein, diesen Prozess umzukehren. Sonst werden in fünfhundert Jahren die künftigen Menschen uns nur als Verrückte sehen, genauso, wie wir mit leichter Verachtung auf die herrlichen vergangenen Kulturen schauen, weil sie uns in ihren Anschauungen naiv erscheinen."

Atanazy ist ein Ästhet, dem jeder herrliche Wahn, der zu vermeintlicher Größe führt, teuer ist. Und auch wenn er spürt, dass der menschliche Größenwahn, der sich selbst Pyramiden, Tempel, Kathedralen errichtete, nicht länger aufrechtzuerhalten ist, will er den Verlust der metaphysischen Sonderstellung des Menschen nicht akzeptieren. Aber wäre dieser Verlust dem Schöpfertum wirklich abträglich?

"Wenn der Mensch wieder Tier wird, so müssen auch seine Künste, seine Liebe, seine Spiele wieder rein ‚natürlich' werden. Man müsste also eingestehen, dass die Menschen nach dem Ende der Geschichte ihre Gebäude so errichten werden, wie die Vögel ihre Nester bauen und wie die Spinnen ihre Netze weben, dass sie Konzerte wie Frösche oder Zikaden spielen werden, dass sie spielen werden wie junge Tiere und lieben werden wie erwachsene Tiere." (Alexandre Kojève)

Die narzistische Kränkung durch Darwin haben viele Menschentiere noch immer nicht verdaut. Sie ignorieren und leugnen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der vergleichenden Kognitionsforschung, oder versuchen sie auf mehr oder (meist) weniger intelligente Weise für den eigenen Gebrauch umzudesignen. Warum? Aus Angst, ihres bevorzugten Rauschmittels verlustig zu gehen, sei es nun Atanazys Kokain oder schlicht das Opium des Volkes? He, Leute, es gibt auch weniger benebelnde, weniger giftige Drogen!


Der Stachel im Fleisch
Ein kleiner Narrenspiegel zum karnivoren Reizthema "Tierethik"

Die Bedeutung der "mirror neurons" ist in der Wissenschaft umstritten, aber die Pointe sitzt. Es ist ein bitterer Treppenwitz der Forschungsgeschichte, den uns die Journalistin und Buchautorin Hilal Sezgin ("Artgerecht ist nur die Freiheit") erzählt: 1992 entdeckten Wissenschaftler die Spiegelneuronen und damit möglicherweise nicht weniger als die biologische Grundlage der Empathie (die wiederum für viele eine Voraussetzung für Moral darstellt). Im entscheidenden Experiment griff ein Mensch nach einer Rosine, ein Makak sah ihm dabei zu, nicht nur das, er empfand sogar mit ihm. Die Messung seiner Hirnströme legte dies nahe. Fast war es so, als hätte er selbst nach der Rosine gegriffen. Allem Anschein nach konnten die Wissenschaftler damit nachweisen, dass sich der Makak, der mit geöffneter Schädeldecke und Elektroden im Hirn in ihrem Labor festgeschnallt saß, in sie einzufühlen vermochte. Chapeau!

Das nennt man wohl "Win-Win-Situation"! Die unzerbrechlichen Eierköpfe haben sich durch ihre von Skrupeln ungetrübte Forscherlust selbst der Spiegelblindheit überführt, und der Makak konnte sich immerhin ein wenig mit ihnen über die Rosine freuen.

Einem anderen, einem historischen Treppenwitz der Zukunft könnten wir gerade selbst aufsitzen. Um eine Ahnung davon zu bekommen, brauchen wir uns nur einen dieser rührigen Werbespots anzuschauen, in denen Ferkel auf grünen Wiesen in drolligem Dialekt Bauernschwänke spielen dürfen, während LKWs, vollgestopft mit ihren verängstigten Artgenossen, über die Autobahn ins Schlachthaus rollen, um dort endlich ans Ziel eines finsteren, buchstäblich beschissenen Lebens auf unbestreuten Betonspaltenböden zu gelangen. Der Bauer greift zur Zange, nein, zuerst zu einer Rosine. Ob sich das Ferkel, das er gleich betäubungslos kastrieren wird, wohl ein wenig in ihn einfühlen kann? Was die Beziehung der Menschen zu ihrem Essen betrifft, haben vermutlich noch nie in der Geschichte Sein und Bewusstsein so weit auseinandergeklafft wie heute. Wir leben eben auch in einer Zeit, in der das medial vermittelte Produktimage als willkommenes Wundermittel zur Konsumerleichterung bzw. Umsatzsteigerung gesellschaftlich geachtet wird, nicht geächtet als das, was es ist: eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Par(cordon)bleu! Vade retro, Satansbraten! Die Spiegel werden verhängt, damit wir nicht erschaudern angesichts der eigenen Hässlichkeit.

Um den Fleischkonsumenten nicht Unrecht zu tun: Ihre Spiegelneuronen sind in den meisten Fällen sicher intakt. Konfrontiert mit den Bildern der Massentierhaltungsrealität, werden wohl die wenigsten von ihnen sagen: Das ist mir völlig wurscht. Ebenso wenige werden so dumm sein, die heile Werbewelt für die wirkliche zu halten, zumindest nicht, wenn sie auch nur eine Sekunde lang darüber nachdenken. Allerdings - und genau darauf setzt die Reklamewirtschaft - sind diese Sekunden spärlich gesät. Sie sind ja auch unangenehm. Bittere Körnchen Wahrheit, auf die man beim Kauen dessen, was man sich einfach nur schmecken lassen will, bisweilen beißt. In letzter Zeit ist es sowohl für die Industrie als auch ihre zahlende Kundschaft eine zunehmende Herausforderung geworden, die kleinen und größeren Verdrängungsmechanismen am Laufen zu halten. Umso heftiger fallen die Reaktionen aus. Durch abwertende Witze und blinde Wut über tierethische Argumentationen wird am Stammtisch oder in kaum niveauvolleren Zeitungskommentaren den eigenen Gewissensregungen eine Abfuhr erteilt. Lästige Aktivisten werden in Medien dämonisiert und von Behörden kriminalisiert. Die Verdrängung findet auch physisch statt. Wenn in Massentierhaltungbetrieben, die bisweilen sowieso schon Geheimbasen gleichen, strenge Filmverbote gelten (etwa in den USA oder - ja, so fortschrittlich ist man da - neuerdings auch in Niederösterreich), dann liegt der Grund dafür nahe: damit kein Bild mehr nach außen dringe, das schmerzliche Reflexionen auslösen könnte. Also dann: Mund auf, Augen zu?

Das amerikanische Gourmet-Magazin beauftragte David Foster Wallace im Jahr 2003, einen Artikel über das "Maine Lobster Festival" zu schreiben. Der Text, den sie geliefert bekam, bereitete der Redaktion einiges Kopfzerbrechen, denn er war nicht geeignet, den Liebhabern gekochter Krustentiere als Amuse-Gueule zu dienen. Mit der für ihn typischen Akribie in Recherche und differenzierter Abhandlung räumt der Autor mit dem billigen Mythos auf, es handle sich bei Hummern um kaum mehr als fühllose Automaten. Nicht nur weisen sie die neurologische Ausstattung für Schmerzempfinden auf, sie zeigen (denen, die hinsehen) auch ein Verhalten, das auf Schmerz hindeutet. Wallace beweist dort Empathie, wo es anderen Menschen angesichts der fremdartigen Morphologie eines Krebstiers leichtfällt, sich keine Gedanken darüber zu machen, wie es sich für die Hummer wohl anfühlen mag, lebendig in kochendes Wasser geworfen zu werden. Bis sie totgekocht sind, dauert es 35 bis 45 Sekunden. Ihre hektischen Versuche, wieder herauszuklettern, lassen in Maine, unter all dem Gelächter auf dem Festivalgelände, routinemäßig die Deckel der Kochtöpfe scheppern. Man muss dem Magazin Respekt zollen, denn es veröffentlichte den Artikel (Gourmet, August 2004), wenn auch nur in abgemilderter Form. Während Wallace im Original etwa provokant fragt, ob zukünftige Generationen unsere heutigen Essgewohnheiten nicht einmal auf ähnliche Weise betrachten könnten, wie wir "auf Neros Vergnügungen oder auf Mengeles Experimente" zurückblicken, wurden letztere in der Druckversion des Magazins durch "aztekische Opferriten" ersetzt.

Und damit gelangen wir ins vexierende Spiegelkabinett der aktuellen Debatte. Die (meist männlichen) Apologeten der industriellen Tiernutzung, nicht selten gerade solche, die sich empört zeigen, wenn das biologisch artfremde mit menschlichem Leid verglichen wird, verweisen gerne auf andere Tierspezies, wenn es darum geht, den Fleischkonsum zu rechtfertigen, und fragen etwa zwinkernd: Sollen Löwen Tofugazellen fressen? Fleisch zu essen, erscheint ihnen als "naturgegebenes" und daher von ethischen Fragen ausgenommenes Recht des Menschen, den selbigen als Tier unter Tieren zu betrachten aber wiederum als sträflicher Biologismus. Sie wollen sich offenbar einerseits mit archaischer Jagdlust im Supermarkt an die in Plastik verpackten Hühnerfilets anschleichen und andererseits als ein Vernunftwesen fühlen dürfen, das sich von der Tierwelt grundsätzlich unterscheidet. All das in einer Zeit, in der eben erst begonnen wird, die kognitiven Fähigkeiten anderer Spezies zu erforschen, nachdem vor 150 Jahren die darwinische Wende das anthropozentrische Weltbild ins Wanken, aber offenbar noch lange nicht zu Fall gebracht hat. Natürlich unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Tierarten. Ebenso wie sich der Makak (der übrigens so wie der Homo sapiens taxonomisch zu den Trockennasenaffen zählt), das Hausschwein oder der Hummer von allen anderen Tierarten unterscheidet. Oder die Chinesische Weichschildkröte. Die Giraffe, der Blausturmvogel. Die Juwelwespe, der Rauzahndelfin, der Salzkrautbilch. Diese erstaunliche Vielfalt animalischen Lebens, die wir einfach unreflektiert in den Topf des Wortes "Tier" (Jacques Derrida prägte diesbezüglich den Begriff "animot") werfen, mag der Deckel gelegentlich auch noch so scheppern, während wir, unsere Lippen leckend, am Herd stehen. Ein Spezifikum der Menschheit ist die generationenübergreifende Weitergabe symbolisch gespeicherten Wissens, das im Lichte neuer Erfahrungen revidiert und erweitert werden kann. Aber vielen fällt es allzu schwer, noch einmal auf das hinzuschauen, was bereits "gegessen" ist.

Wer sich moralisch unter Druck gesetzt fühlt, neigt oft dazu, die Strategie des Angriffs als beste Verteidigung zu wählen. Der ressentimentgeladene Vorwurf, "Tierfreunde" wären heimliche Menschenhasser, ist ebenso alt wie (in den allermeisten Fällen) falsch. Schon Nietzsche verdächtigte in dieser Hinsicht Voltaire und Schopenhauer, und fiel letztlich selber einem geschundenen Gaul um den Hals. Auf weitaus tieferem Niveau werden heute, natürlich vor allem von rechter, tierzucht-, jagd- und generell ausbeutungsaffiner Seite, aber mitunter auch (vermutlich wegen eines eifersüchtigen Anspruchs aufs Moralmonopol) aus dem linken Lager, Menschen, die keiner Fliege, zumindest keinem Huhn etwas zuleide tun können, der Planung schlimmster Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt. Derartige Gegenschläge zur eigenen Entlastung (etwa "Wer Tierrechte will, bahnt der Euthanasie den Weg", Die Welt vom 30.1.2014) funktionieren nach demselben hanebüchenen Retourkutschen-Prinzip wie die Klage über "Tugendterror" (Thilo Sarrazin) oder die schamlose Täter-Opfer-Umkehr eines H.C. Strache ("Wir sind die neuen Juden"). Gerade jene, die eine ethische Relevanz "nur tierischen" Leids so stark leugnen, dass sie Vergleiche mit humanem Leid kategorisch ablehnen, erfüllen zumindest schon eine Bedingung der Möglichkeit, sich trotzig gegen jegliches Mitgefühl zu versperren, wenn Mitmenschen wieder einmal die Mitmenschlichkeit abgesprochen wird, um sie systematisch "zur Sau machen" und "wie Vieh" behandeln zu können. Man weiß dann ja bereits, wie das geht. Der störrischen Exklusivität des moralischen Geltungsanspruchs hielt Thomas Macho unlängst den Begriff eines "inklusiven Humanismus" entgegen. Das Ideal der Menschlichkeit würde dadurch nichts verlieren, sondern nur an Halt und Haltung gewinnen. Die absolut gesetzte Distinktion von unseren ferneren Verwandten in der Fauna zielt dagegen bloß auf ihre hemmungslose Ausbeutung ab. Und diese lässt sich, nur um am Würstelstand den Appetit nicht zu verlieren, auch mit den gewagtesten Volten ethisch nicht begründen.

"[D]ie Idee, die Einzelspezies ‚Mensch' als gleichberechtigtes Pendant den abertausenden und voneinander grenzenlos verschiedenen Tiergattungen und -arten gegenüberzustellen und diese abertausende so zu behandeln, als verkörperten sie einen einzigen Typenblock tierischen Daseins, ist einfach anthropozentrischer Größenwahn. Die Fabel von den Ameisen, die auf ihren Hochschulen ‚Pflanzen, Tiere und Ameisen' unterscheiden, sollte als Warnung vor dieser kosmischen Unbescheidenheit jedem Lehrbuch der ‚Philosophischen Anthropologie' vorausgehen." (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen)

- aus: Radio Irreparabel XXV / Ad bestias (07.12.2015)





Aus einem Interview mit einer Veterinärmedizinerin auf science.orf.at:
"Frage: Wie reagiert die Muttersau, wenn sie sich versehentlich auf ein Ferkel drauflegt?
Antwort: Das Ferkel fängt sofort an zu schreien - ein Reflex, den man auch auslösen kann, wenn man es um den Brustkorb anfasst. Das sollte man also nicht tun: Wenn die Muttersau dabei ist, kann sie schon mal böse werden. Normalerweise springt sie auf und das Ferkel ist gerettet. Aber es gibt Situationen, in denen es nicht gelingt.
Frage: Sind sie dann traurig?
Antwort: Nein, den Eindruck hat man nicht. So viel Gefühl sollten wir der Sau nicht zusprechen.
Frage: Das wäre eine Vermenschlichung?
Antwort: Ja, absolut."

Ohne meine Eindrücke verabsolutieren zu wollen: Wenn ich sowas lese, fange ich sofort an zu schreien - ein Reflex, den man vermutlich auch auslösen kann, wenn sich eine 180 kg schwere Muttersau auf mich drauflegt. Und dann werde ich traurig. Traurig, weil an Nutztieren wie Schweinen offenbar keine unvoreingenommenen Verhaltensbiologen forschen, sondern nur Veterinärmediziner, die für's rein körperliche Funktionieren in prozessoptimierten Mastbetrieben zu sorgen haben, in denen nicht vorzeitig krepiert werden darf, sondern erst termingerecht krepiert werden muss, wenn das Schlachtgewicht erreicht ist, und in denen den, weil sich's ja nicht vermeiden lässt, eine Zeit lang noch lebenden Produktionsmitteln auf keinen Fall allzu viel Gefühl zugesprochen werden darf.

"Denn es ist jene ekelhafte Gewitztheit, die die Herren der Schöpfung und deren Damen ‚von Jugend auf' Bescheid wissen lässt, dass im Tier nichts los ist, dass es in demselben Maße gefühllos ist wie sein Besitzer, einfach aus dem Grund, weil es nicht mit der gleichen Portion Hochmut begabt wurde und zudem nicht fähig ist, in dem Kauderwelsch, über welches jener verfügt, seine Leiden preiszugeben." (Karl Kraus)

Können nur Menschen, oder auch andere Tiere trauern? Und wenn ja, welche? Kein seriöser Wissenschaftler würde wohl mit absoluter Bestimmtheit behaupten, er wisse die Antwort. Mit welchen Methoden sollten Hypothesen über innere Befindlichkeiten auch zweifelsfrei verifiziert oder falsifiziert werden können? An Schimpansen, Elefanten, Delphinen z.B. lässt sich immerhin ein Verhalten beobachten, das auch für menschliche Forscher ganz offensichtlich auf Trauer hindeutet. Wäre die Vorstellung eines trauernden Schweins also eine völlig abwegige Vermenschlichung? Eine Verschimpansung oder Verelefantung? Gar ein Delphinomorphismus?

Recherchiere ich als Laie im Internet, stoße ich auf den Wissenschaftsseiten der Süddeutschen (die mir eine vertrauenswürdige Quelle zu sein scheint) auf folgende Fakten: Die rein physiologischen Voraussetzungen, Trauer zu empfinden, haben viele Tierarten. Das limbische System, das im Gehirn an der Entstehung von Gefühlen wesentlich beteiligt sein dürfte, kommt nicht nur bei Säugetieren vor, sondern auch bei Reptilien und Vögeln. Weiters wurde in Forschungen festgestellt, dass nicht nur Menschen, sondern auch andere Tiere, beim Verlust eines eng verbundenen Individuums wie des Partners eine erhöhte Konzentration von Stresshormonen im Blut aufweisen.

Ich denke, noch ein anderer Aspekt wäre beim Versuch, die Gefühlswelt eines Schweins einzuschätzen, wichtig: Verhaltensbiologische Forschungen werden meist nur an Wildtieren oder an allgemein wertgeschätzten tierischen Gefährten wie Hunden durchgeführt. Nutztiere aber, insbesondere solche in der Massentierhaltung, müssten auch auf menschengemachte Defizite in ihrem Empfindungsvermögen untersucht, also in ihrer psychischen Entwicklung mit freilebenden Artgenossen verglichen werden. Wäre es eine Vermenschlichung zu vermuten, dass ein Schwein, das von Geburt an in engster Gefangenschaft gehalten wird, in Abweichung von seinen natürlichen Verhaltensweisen verkümmert und psychisch abgestumpft ist (nein, wird), also "entschweinlicht"? Eine Vermenschlichung (im Sinne einer Humanisierung) wäre im Bereich der Veterinärmedizin jedenfalls ein Desideratum. Es sind nämlich Menschen, die sie betreiben, leider allzu oft im vasallischen Dienste einer unmenschlichen Maschinerie.

"[S]ofern nicht alles verloren sein soll, [besteht] die heute entscheidende moralische Aufgabe in der Ausbildung der moralischen Phantasie, d.h. in dem Versuche, das ‚Gefälle' zu überwinden, die Kapazität und Elastizität unseres Vorstellens und Fühlens den Größenmaßen unserer eigenen Produkte und dem unabsehbaren Ausmaß dessen, was wir anrichten können, anzumessen". (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen)

Das Schnitzel (und mit ihm die systematische Brutalität) hat eine starke Lobby. Und diese wiederum ein bissiges Gewissen, das auch vor Täter-Opfer-Umkehrschlüssen nicht zurückschreckt. In der Tageszeitung "Die Presse" vom 16.1.2016 kommt in einem wahrlich borstenhaarsträubenden Artikel ein Agrarwissenschaftler zu Wort. Der bedrohliche Titel des Artikels "Was passiert mit der Umwelt, wenn sich jeder vegan ernährt?" lässt die Antwort bereits erahnen: sicher nichts Gutes. Wenn wir keine Nutztiere wie Kühe, Schweine oder Schafe mehr brauchen, würde sich ihre Zahl wohl sukzessive reduzieren, mutmaßt der BOKU-Professor gleich zu Beginn, wobei allerdings nicht ganz klar wird, ob uns seine kühne "Mutmaßung" Mut machen soll, weil dann weniger Tiere in der Massenhaltung leiden müssen, oder vielmehr Angst, weil die vegane Ernährung ja schuld daran wäre, dass weniger Kühe, Schweine oder Schafe auf der Welt sind, die Veganerinnen und Veganer, wenn man sie nur lässt, also gleichsam einen brutalen Massenmord begehen würden.

"Fallen Fleisch und andere tierische Produkte in der Ernährung weg, würden die Menschen weit mehr Getreide und Gemüse benötigen. Doch woher kommen die Flächen, um mehr pflanzliche Lebensmittel zu produzieren?", wird warnend gefragt, und das ist nun wirklich ein ernsthaftes Problem: Wo um Himmels willen sollen die Flächen für die Gemüsebeete herkommen, wenn plötzlich all die riesigen Monokulturen wegfallen, die für die Futtermittelproduktion nötig sind? Für ein Kilogramm Erdäpfel z.B. benötigt man ein Viertel Quadratmeter. Für ein Kilogramm Rindfleisch 27 bis 49 Quadratmeter, also mindestens das 108-fache. Da erzähle uns noch einmal jemand was über die ressourcenschonende Nutzung der globalen Landflächen! Und schlimmer noch: Wenn keine Futterpflanzen mehr angebaut werden, könnte das laut unserem Agrarwissenschaftler dazu führen, "dass die Artenvielfalt - bei Pflanzen und Tieren - deutlich abnimmt." Völlig richtig! Ohne den gigantischen Bedarf an Futterpflanzen würde etwa der Regenwald nicht mehr abgeholzt werden, und der Regenwald muss abgeholzt werden, um die Artenvielfalt zu schützen! Pflanzen und Tiere würden Monsanto kaufen! Und natürlich profitieren sie auch von den das Klima erwärmenden Treibhausgasen, an denen die Tierproduktion maßgeblich (laut UNO mit etwa 18%) beteiligt ist, und von der Überdüngung durch Gülle, die das Grundwasser verschmutzt. Kurzum: Es ist einfach gut für die Welt, Fleisch zu essen, und wenn unser Agrarwissenschaftler das auch noch den Schweinderln so überaus schlüssig erklären könnte, dann würden sie sicher freiwillig und fröhlich quiekend ins Schlachthaus laufen. Und die Hühner würden sich lachend auf dem Boden wälzen, wenn sie Platz dafür hätten.

So viel dazu. Aber jetzt wird's karno-PR-mäßig erst so richtig lustig. Hast du gewusst, dass Jäger für Tierrechte eintreten? Hast du gewusst, dass Wildschweine strenge Katholiken sind? Dass eine hormonelle Verhütung den Tieren die Würde nehmen würde, dass sie ein Recht darauf haben, erschossen zu werden? Der Dezember ist Punschzeit. Ob sich damit möglicherweise die Presseaussendung der "Zentralstelle Österreichischer Landesjagdverbände" vom 18. Dezember 2015 erklären ließe oder nicht, zum willkommenen Amüsement in dieser kalten dunklen Zeit hat sie allemal beigetragen. Ja bitte, ihr wackeren Waidmänner (und mitunter auch -frauen), greift öfter zur Feder statt zur Flinte (v.a. wenn ihr wie so oft zu viel intus habt), das ist weniger gefährlich - und weitaus lustiger! Ich zitiere ohne weiteren Kommentar, der zur gelungenen Erheiterung im Folgenden wohl nichts mehr beitragen könnte:

Die Ankündigung, dass künftig im Lainzer Tiergarten "Geburtenkontrolle" eines der Mittel sein soll, den Bestand des Wildes "in den Griff zu kriegen", klingt wie eine Verhöhnung der Schöpfung. Man beabsichtigt, Wildtiere (vorerst einmal Damwild und Mufflon) mit Eiweißpräparaten durch den Einsatz von Narkosegewehren mit einer Eiweißimpfung zu beschießen, damit die Fruchtbarkeit für ein paar Jahre gehemmt wird. Es geht nicht um Kastration, nur um eine "harmlose Hormongeschichte". Ausgedacht haben sich das übrigens selbsternannte Tierrechtler, die nun ein "Kompromisspapier" feiern. Der geschäftsführende Landesjägermeister KommR Josef Eder dazu: "Wenn man bedenkt, dass jedes Wildtier rein instinktiv als höchstes Ziel die Arterhaltung und damit die Fortpflanzung in sich trägt, was sogar in vielen Fällen über dem Ziel des eigenen Überlebens steht, so nimmt diese Idee dem Wildtier jede Würde. Alleine die Absicht, Bestandeskontrolle bei Wildtieren nicht durch Entnahme und Nutzung der Tiere und deren Wildbret sondern durch künstlich herbeigeführte Unfruchtbarkeit der Wildtiere durchzuführen, ist schon aus tierethischen Gründen abzulehnen. Wildtiere sind ja keine Versuchskaninchen". […]

- aus: Radio Irreparabel XXVI / Toxoplasma gondii (01.02.2016)





"Ohne Fleisch kein Verstand", so lautet nicht etwa der jüngste Werbeslogan der Fleischindustrie, sondern die triumphierende Überschrift eines Zeitungsartikels, der sich mit der hypothetischen Rolle des Fleischverzehrs in der evolutionären Entwicklung des menschlichen Gehirns befasst ("Die Welt" vom 22.3.2016). Die Vegetarier und Veganer, wird in diesem Artikel gleich eingangs hämisch vermutet, würden es nicht gerne hören, aber "ohne Wildbret wäre der Mensch keine Intelligenzbestie geworden". Zunächst könnte dem geneigten Leser auffallen, dass der hier stolz behauptete Verstand der menschlichen Spezies in erstaunlichem Kontrast mit den auf den übrigen Seiten derselben Tageszeitung präsentierten Fakten steht, mit Krieg, Terrorismus, Elend, Umweltzerstörung, also all den selbstverschuldeten Katastrophen, mit denen die Menschheit sich und den ganzen Planeten in den Abgrund zu reißen droht. (Vom Zeugnis, das die obligaten Klatschspalten von der menschlichen Intelligenz ablegen, ganz zu schweigen.) Nicht nur Vegetarier und Veganer dürften sich bisweilen fragen, ob die "Intelligenzbestie" Mensch nicht mehr als Bestie denn als Maßstab wahrer Intelligenz zu gelten habe. Aber auch wenn wir über derlei falsche Unbescheidenheit hinwegsehen, erscheint es selbst für eine rechtskonservative Zeitung ziemlich wahnwitzig, all das, was uns im Verlauf der Evolutions- und Menschheitsgeschichte möglicherweise zu dem gemacht hat, was wir sind, auch für jetzt und alle Zukunft zu legitimieren. Also mitunter auch Sklaverei, Mord und Totschlag. Selbst wenn der Fleischverzehr in der Evolution des menschlichen Gehirns eine Rolle gespielt haben sollte, kann es heute dumm sein, Fleisch zu essen. Die seriöse Wissenschaft ist natürlich weit von Aussagen wie "Ohne Fleisch kein Verstand" oder ähnlichen Würstelstand-Sagern entfernt. In einer Studie der Universität Harvard wurde etwa unlängst die Hypothese aufgestellt, dass noch bevor die Menschheit vor etwa 500.000 Jahren das Kochen erfand, ein geringerer Bedarf an Kaubewegungen bei der Aufnahme von teilweise energiereicher tierischer Nahrung die Gehirnentwicklung ermöglichte. Der Gebrauch von Steinwerkzeugen zur Zerkleinerung der Nahrung scheint hier der wesentliche Faktor gewesen zu sein, sonst müssten heute wohl auch andere allesfressende Primaten wie Schimpansen "Die Welt" lesen und sich bestürzt am Kopf kratzen. Und reine Fleischfresser wie Löwen und Geparden würden an ihren Hochschulen vermutlich darüber diskutieren, ob auch anderen Tieren wie z.B. Menschen gewisse Rechte zugestanden werden sollen oder nicht. Wurden Gorillas im Übrigen vielleicht nur deswegen so kräftig, weil sie Pflanzenfresser sind? Ohne Blätter keine Muskeln? Fazit: Spekulationen über die Ursachen bedeutender evolutionärer Entwicklungen sind spannend, und die Forschung beschert uns immer wieder neue. Was wir aus ihnen folgern, ist aber nicht nur von der Größe unseres Gehirns abhängig, sondern auch von seinem wohldurchdachten Gebrauch. Und in diesem Punkt sollten insbesondere militante Verfechter des Fleischkonsums ihren Stoff besser noch das eine oder andere Mal durchkauen.

"Ruiniert eure Körper!", lese ich in der Zeitung ("Die Zeit" vom 23.3.2016) und bin sofort geneigt, dieser grundsätzlich sympathischen Aufforderung zuzustimmen. Auch mir geht die gesundheitspolitische Bevormundung erwachsener Bürgerinnen und Bürger auf die Nerven, und ich denke voller Nostalgie zurück an die (zumindest diesbezüglich guten) alten Zeiten, als man noch in Flugzeugen, Eisenbahnen, U-Bahnstationen, Büros, Restaurants und Konzerthallen hemmungslos rauchen durfte. Die völlig berechtigte Klage darüber, dass es dem Menschen zusehends schwer gemacht wird, Lastern zu frönen, die nur auf eigene Kosten gehen, wird in besagtem Artikel allerdings seltsamerweise mit einer Klage über das zunehmende Angebot an vegetarischen Speisen verbunden, von dem sich der Autor in seiner Freiheit offenbar ebenfalls bedroht fühlt. Da wird von einem "Brückenschlag zwischen uneigennütziger Moral (Sorge um die Natur) und eigennütziger Gesundheit (Sorge ums Selbst)" fantasiert, da wird behauptet: "Das zeitgenössische Ideal verbindet Gesundheit mit dem Versprechen eines sündenfreien Lebens; wenn nicht sogar heimlich der Glaube herrscht, Sündenfreiheit sei durch Ernährung herstellbar." Muss ich mir jetzt, wenn ich Bio-Paradeiser kaufe, vorkommen wie ein religiöser Fanatiker? Als Atheist denke ich mir: Die Theologie hat uns vor allem den Irrglauben beschert, der Mensch sei die Krönung der Schöpfung. Und ich denke weiters, dass es ein beträchtlicher moralischer Unterschied ist, ob ich auf meiner Selbstverantwortung für mein leibliches Wohl (oder Übel) bestehe, oder ob ich über das leibliche Wohl (oder Übel) von Anderen entscheide. Es ist ein Unterschied, ob ich meine eigene Gesundheit riskiere, indem ich Alkohol trinke und rauche (was ich z.B. tue), oder ob ich andere Individuen, welcher Spezies auch immer, konsequenten Marterungen ausliefere, indem ich ihre industriell hergestellten Körperteile esse (was ich z.B. nicht tue). Es ist ein Unterschied, ob ich russisches Roulette spiele oder meinen Nachbarn erschieße. Und zu jedem noch so netten Versuch, sich als hedonistischer Rebell gegen die vermeintliche vegane Moraldiktatur zu stilisieren, sei freundlich erinnernd angemerkt: Fleischessen ist immer noch Mainstream. Fleischessen ist Establishment. Fleischessen ist im System tief verwurzelte Herrschaftspraktik. Vegetarier und Veganer sind dagegen eine kleine heterogene Minderheit mit verschiedensten Lebensphilosophien, wobei in meinem Bekanntenkreis die allermeisten keineswegs aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch verzichten, sondern weil sie ihr Essen einfach genießen und sich nicht davor ekeln wollen, was unvermeidlich der Fall wäre, wenn sie bei jedem Bissen vom Schnitzel an das beispiellose Ausmaß an Gewalt denken müssten, die den sogenannten Nutztieren heute zugefügt wird. Schweine sind Hedonisten wie wir. Ruinieren wir also ruhig unsere Körper, wenn es uns beliebt, aber nicht die von anderen!

- aus: Radio Irreparabel XXVIII / Wassermann, Wassermann (04.04.2016)





Im Standard vom 24. August 2016, Rubrik Forschung, findet sich ein Artikel mit der bemerkenswerten Überschrift "Veganismus hat Höhlenbären den Garaus gemacht". Den Begriff "Veganismus" kennen wir ja eigentlich nur als bewusst gewählte Ernährungsweise von Vertretern der Spezies Homo sapiens, bei anderen Tieren sprechen wir gemeinhin von "Pflanzenfressern". So oder so - das scheint durch besagte Überschrift insinuiert - kann der Verzicht auf tierische Nahrung tödlich enden, und in diesem Verdacht fühlen wir uns auch tatsächlich bestätigt, wenn wir im Artikel folgende weiterführende Erklärung lesen: "Forscher der Senckenberg-Forschungsgesellschaft haben nun nach Isotopenanalysen von Höhlenbärknochen eine neue Theorie, die im Lichte heutiger Ernährungsdebatten zusätzliches Diskussionspotenzial bietet: Wie die Forscher [...] behaupten, dürften die Höhlenbären nämlich ihrer unflexiblen veganen Ernährung zum Opfer gefallen sein." Hier wäre man fast geneigt, angeregt zu ergänzen: Die Höhlenbären sind an ihrem Aussterben selber schuld! Wahrscheinlich gab's unter ihnen auch irgendwann mal Tierrechtsaktivisten, die gesagt haben: "He, wir sollten die armen Wildschafe in Ruhe lassen und lieber Früchte fressen!" Und das hat ihnen dann den Garaus gemacht. Hätten sie sich doch beide ein Beispiel an der menschlichen Ernährungsflexibiliät genommen, die wie wir nicht nur aus Berichten von Schiffbrüchigen wissen, notfalls bis zum Kannibalismus reicht. Für "zusätzliches Diskussionspotenzial" ist jedenfalls gesorgt. Der Mensch, nicht zuletzt auch durch seinen Fleischkonsum und den damit verbundenen landverschlingenden Anbau von Futterpflanzen, macht ja bekanntlich unzähligen Arten den Garaus, so vielen, dass Forscher bereits vom sechsten Massensterben sprechen. Das fünfte fand vor 65 Millionen Jahren statt, als die Dinosaurier und mit ihnen rund 70 Prozent aller Arten ausstarben. Der beträchtliche Beitrag der heutigen Fleischindustrie zu Klimaerwärmung, Umweltzerstörung, Hunger durch ineffiziente Ressourcennutzung, und nicht zuletzt auch das alle verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse verdrängende, die industrielle Knechtschaft, das Quälen und die Tötung verharmlosende, und im Laufe der Geschichte immer wieder auch auf andere Menschen ausgeweitete Dogma "Es sind ja nur Tiere", all diese Fakten sind im globalen All-you-can-eat-Restaurant, das der Mensch aus der Erde gemacht hat, nur geschäftsschädigende Störenfriede. Würde der Mensch so wie vielleicht schon der Höhlenbär durch den Verzicht auf tierische Nahrung aussterben? Oder besteht die mangelnde Ernährungsflexibilität, an der er möglicherweise u.a. zugrunde gehen wird, nicht vielmehr darin, selbst dann nicht auf Fleisch verzichten zu können, wenn alle vernünftigen Gründe dafür sprechen?

- aus: Radio Irreparabel XXXIII / Tiere & Biere (05.09.2016)





Unüberhörbar knurrt und brodelt, zischt und gluckst es in den Feuilletons. Das karnivore Verdauungssystem hat derzeit reichlich Öffentlichkeitsarbeit zu verrichten. Sein Rechtfertigungsdruck muss mittlerweile beachtlich sein. Die beinahe schon mitleiderregende Vehemenz der Reaktionen lässt auf schwere Unverträglichkeiten schließen. Wie ließe sich anders erklären, dass Menschen, die an den industriell betriebenen Brutalitäten der Massentierhaltung Kritik üben, die eine immer noch theologisch gefärbte Mensch-Tier-Dichotomie in ihrer zwanghaften Abwertung "nur tierischen" Leidens in Frage stellen, um sich als Konsequenz für eine fleischlose Ernährung zu entscheiden, wahlweise als esoterische Fanatiker, genussfeindliche Asketen, sexuell gehemmte Narzissten oder gar faschistoide Tugendterroristen verunglimpft werden? Das Darmhirn muss wohl sehr gereizt sein und nimmt sich auf seiner Fehlersuche bei den Fleischeskostverächtern alle kreativen Freiheiten heraus. Der Backlash aus dem Bauch heraus erfolgt nach dem Prinzip des Angriffs als beste Verteidigung, eine hinlänglich bekannte Strategie, die etwa den linken "Gutmenschen" zum verkappten Bösen umzudeuten trachtet. Die Opfer bzw. ihre Fürsprecher werden als die eigentlichen Täter angeklagt. Die blähsüchtige Kargheit der dafür angewandten Argumentation entschuldigt wie ich meine die hier strapazierte Verdauungsmetapher.

Jüngstes Beispiel lieferte die Berichterstattung zum dritten Biologicum Almtal, das heuer unter dem Thema "Fressen und gefressen werden" stattfand. Die Bedeutung dieses Themas in der evolutionären Entwicklung u.a. des Menschen ist ebenso nachvollziehbar evident, wie es abwegig wäre, daraus eine moralische Rechtfertigung des Fleischkonsums in der industrialisierten Gesellschaft von heute abzuleiten und sich jede aufklärerische Kritik daran zu verbitten. Stammes- und kulturgeschichtlich zu dem gemacht, was wir heute sind, haben uns wohl auch Mord und Totschlag. Es ist umso bedauerlicher, dass derlei achselzuckende Gewohnheitsrechtsansprüche, wie zumindest Zeitungsberichte ("Der Standard" vom 5.10.2016, "Die Presse" vom 10.10.2016, "Salzburger Nachrichten" vom 10.10.2016) nahelegen, gerade auf einer Fachtagung aus jenem Bereich erhoben wurden, in dem das bis heute für die eigene psychische Entlastung nur zu gut brauchbare kartesianische Fehlurteil, Tiere wären nichts anderes als seelenlose Maschinen, durch immer neue experimentelle Nachweise der kognitiven Fähigkeiten und des komplexen Sozialverhaltens anderer Tierarten in ein immer peinlicheres Licht gerückt wird. Man würde sich einen vergleichenden Verhaltenswissenschaftler wünschen, der etwa Schweine und Wildschweine ebenso empathiefördernd wie öffentlichkeitswirksam beforscht, wie Kurt Kotrschal das für Hunde und Wölfe leistet. Doch daran besteht aus naheliegenden Gründen kein Interesse.

Offenbar war niemand ins Almtal eingeladen worden, der eine allzu kritische Sichtweise auf das vertrat, was Menschen heute ihren Nutztieren antun, und so sprach auch nichts dagegen, von diesen "abwesenden Referenten" (Carol J. Adams) unbehelligt, in gemütlicher Runde gepflegte Herrentierwitze am Kaminfeuer des Hochmuts auszutauschen. Mit der Nonchalance des selbstbewussten Primaten wurde der moralische Unterschied zwischen Hunden und Schweinen damit erklärt, dass wir uns erstere eben als unsere "Companion Animals" ausgesucht hätten. Und, um alle Unklarheiten auszuräumen, hinzugefügt, dass, wenn Vermeidung von Leiden unser Ziel sei, wir ja gleich alle Fleischfresser ausrotten müssten. Also dass wohl, solange nicht alle Löwen, Turmfalken, Kaimane usw. zum Schutz der Beutetiere von uns erschossen worden sind, logischerweise auch gegen die von uns selbst betriebene Massentierhaltung keinerlei Einwand erhoben werden darf. "Und hat nicht auch das Tollwutvirus ein Recht auf Leben?" Abgesehen davon, dass Viren möglicherweise gar nicht zu den Lebewesen zählen: Unter den anwesenden Physiologen fand sich scheinbar niemand, der über die neuronalen Voraussetzungen eines Schmerzempfindens referieren wollte, das mitunter auch die selbsternannte Krone des Schöpfung dazu bringt, "zu brüllen wie ein Tier". Aber weh tat das alles natürlich trotzdem, zumindest dem Zeitungsleser, und manch von seinen Nozizeptoren geplagtes Wirbeltier der Spezies Homo sapiens wäre gerne im Almtal gewesen, nur um den Forschern auch vor Ort beobachtbare aversive Reaktionen zu zeigen: die Haare raufend davonzulaufen.

Die Anwesenden blieben jedoch unter sich. Und um noch die letzten Reste von kognitiven Dissonanzen auszuräumen, die vielleicht durch das hervorgerufen werden mochten, was sich hinter Zäunen und Mauern in peripher gelegenen Arealen mit strengem Film- und Fotografierverbot abspielt, ging ein Ethiker dazu über zu erklären, dass der eigentliche Anthropozentrismus darin bestehe, den Anthropozentrismus aus tierethischer Sicht zu kritisieren. Denn dadurch würden Tiere bevorzugt, die dem Menschen nahe sind: "Menschenaffen und Hunde haben eine gute Lobby, Schnecken dagegen nicht." Und damit hat der Ethiker natürlich zielsicher seinen Finger auf einen wunden Punkt gelegt. Er hält sich nicht mit jenen Tieren auf, die uns zwar nahe sind, aber trotzdem keine gute Lobby haben, was sich u.a. darin zeigt, dass zwar Hunde unter Vollnarkose, Schweine aber betäubungslos kastriert werden, dass erstere auf Royal-Canin-Schmusedecken schlafen, letztere aber auf Betonspaltenböden mit dem beißenden Gestank ihrer eigenen Exkremente in den Atemwegen. Nein, ein brisanteres Thema sind natürlich die Schnecken. Richten Pflanzenköstler, die ihre Gemüsegärten gegen den Kahlfraß verteidigen, in Notwehrüberschreitung bisweilen nicht regelrechte Massaker an diesen Weichtieren an? Und tötet der Mähdrescher, der das Getreide fürs tägliche Brot einholt, nicht ohne Absicht unzählige Kleintiere? Und selbst noch den indischen Jaina-Asketen, der den Weg vor seinen Füßen mit einem Besen fegt, damit auch nicht das kleinste Lebewesen von seiner Sohle zertreten werde, könnte man mit dem dümmlich feixenden Verweis auf die antibakterielle Wirkung seines Mundspeichels in Verlegenheit zu bringen versuchen. "Wir machen uns auf jeden Fall die Hände schmutzig. Es gibt keinen Lebensstil, der unschuldig macht." Wohl wahr, und deshalb spricht offenbar auch nichts dagegen, die Sau gleich ganz ungehemmt rauszulassen bzw. sie massenweise in die finstersten Kerker zu sperren. Nobody's perfect!

Ein besseres Leben hatte vermutlich das Mangalitzaschwein, dessen Speck im Almtal verköstigt wurde. Die heutigen Eliten dagegen würden, so legte ein ebenfalls beim Biologicum anwesender Philosoph des Genusses nahe, in ihrem narzisstischen Streben nach Distinktionsgewinn sogar diesen verschmähen: "Wir sind die Guten, und ihr Schweine essts noch Fleisch!" Was hier als Verbalinjurie gemeint ist, würden die, denen sie unterstellt wird, vielleicht gar nicht als solche betrachten, aber egal: Derlei vordergründige Moralität wäre demnach, was schon ein Präsidentschaftskandidat den Unterstützern seines Gegners nachsagte, nur die eigennützige Sache einer ominösen Hautevolee. Und diese wäre eben heute nicht mehr im herrschaftlichen Jagdschloss oder beim Gänseleber-Horsd'œuvre im Goldenen Quartier, sondern eher beim Soja-Burger-Mampfen auf der Veganmania vor dem Museumsquartier zu finden, wo diese These immerhin für reichlich Gelächter sorgen dürfte. Und es gibt noch Nachschlag: "Mit dem Veganismus deklassieren die Eliten die Armen zusätzlich." Denn dieses "obszöne Gutsein" ignoriere die Problemprioritäten. Auch dieses Argument kommt reichlich bekannt vor: Wenn wir uns um Ausländer kümmern, wo bleiben dann die Österreicher? Und wenn wir uns auch noch um andere Tiere kümmern, wo bleiben dann die Menschen? Gewaltverzicht ist allerdings keine knappe Ressource, die mir, wenn ich hier auf sie zurückgreife, anderswo fehlt. Ganz im Gegenteil: Das nationalistische ebenso wie das speziesistische Vorurteil ignoriert nicht nur alle rationalen Gründe für eine moralische Einbeziehung anderer, sondern übt sich mit verkniffenen Augen trotzig im Widerstand gegen jede fremdgehende Empathie, die das geschätzte Privileg, Mitglied in einem exklusiven Club zu sein, in Frage stellen könnte. Während der Philosoph noch völlig zu Recht, ohne hier lange über Problemprioritäten nachzudenken, persönliche Freiheiten wie den Tabakgenuss, dessen Risiken einen höflichen Raucher ganz allein betreffen, gegen das bevormundende Diktat einer zwänglerischen Vernunft verteidigt, gerät ihm sein Hedonismus in der Verharmlosung der Massentierhaltung zur Peinlichkeit im doppelten Sinn. Genuss kann für viele gar nicht auf Kosten anderer gehen: Der Leckerbissen bliebe ihnen, auch ohne "Schockbilder" auf der Verpackung, bei der Vorstellung seiner Produktionsgeschichte im Halse stecken.

Der anwesende Philosoph allerdings versucht sich in einer tiefenpsychologischen Pathologisierung des Vegetarismus und diagnostiziert ihm, das "Raubtierhafte werde wie das Sexuelle als Bedrohung des Ich gefürchtet, das im Zentrum der narzisstischen Religion stehe." Eine Aussage, die besorgte Fragen aufwirft: Hat Pfaller zu viel Morrissey gehört? Zu viele Vampirfilme gesehen? Schleicht er sich geschmeidig wie ein Tiger im Supermarkt ans in Plastik verschweißte Schnitzel an? Verschafft ihm die Beute, die er dort macht, ein archaisches Lusterlebnis? Worum es sich bei dieser "Beute" handelt, kann man sich anhand von heimlich gefilmtem Videomaterial aus Zucht- und Schlachtbetrieben, zuletzt etwa von jenem der französischen Tierschutzorganisation L214, auf Youtube anschauen, wenn man nicht mit dem Hinweis "Dieses Video ist möglicherweise für einige Nutzer unangemessen" daran gehindert wird. Unangemessen sind in jedem Fall die anmutigen Werbespots der Fleischindustrie, die ihren Kunden ein für jeden empathiefähigen Augenzeugen unerträgliches Geschehen schönlügen, das alljährlich 65 Milliarden geschlachtete Tiere am eigenen Leib erfahren. Und man muss hier wohl psychologisch nicht allzu tief schürfen, um eine Verdrängungsleistung imposanten Ausmaßes festzustellen.

Schlachten und geschlachtet werden - Feldforschungsmaterial wie jenes von L214 wurde beim Biologicum im Almtal vermutlich nicht gezeigt. Es hätte dazu dienen können, das beispiellose Ausmaß an industrialisierter Gewalt gegen Nutztiere zu thematisieren und zu fragen, ob die gelehrte Definition irgendeiner anthropologischen Differenz diese Gewalt rechtfertigen kann, etwa die Fähigkeit, Bücher zu schreiben, symbolisch gespeichertes Wissen generationenübergreifend weiterzugeben, zu erweitern und - besonders wichtig! - im Lichte neuer Erkenntnisse zu revidieren, oder ob diese Gewalt nicht vielmehr grundsätzlich jenem angestrebten Selbstbild widerspricht, das der Mensch humanistisch zu nennen pflegt. Man hätte auch den unreflektierten Gebrauch des Wortes "Tier" (Derrida prägte hier den schönen französischen Begriff "animot") hinterfragen können, insbesondere seinen Gebrauch als gleichmacherische Gegenkategorie zum Menschen, in die fröhlich alles, was auf Erden kreucht und fleucht, geworfen wird, Schnecken und Schweine, Giraffen, Florfliegen und Delfine, und all die anderen geschätzten fünf bis 50 Millionen Spezies mit ihren per definitionem einzigartigen Besonderheiten. Und man hätte sich fragen können, ob eine der drei großen narzisstischen Kränkungen der Menschheit neben der kopernikanischen und der freudschen, die darwinsche, nach 150 Jahren vielleicht noch nicht einmal annähernd überwunden ist. Charles Darwin selbst jedenfalls erscheint progressiver als viele seiner heutigen Schüler, wenn er in "Die Abstammung des Menschen" (1871) schreibt: "Wohlwollen über die Schranken der Menschheit hinaus, d.h. Menschlichkeit gegen die Tiere, scheint eines der am spätesten erworbenen sittlichen Güter zu sein. [...] [Die Idee der Humanität], eine der edelsten, die dem Menschen eingepflanzt ist, scheint sich bei zunehmender Verfeinerung und Erweiterung unseres Wohlwollens nebenher zu entwickeln, bis sie mit der Ausdehnung desselben auf alle empfindende Wesen ihren Höhepunkt erreicht. Sobald diese Tugend von einigen wenigen Menschen ausgeübt und verehrt wird, dehnt sie sich durch Unterricht und Beispiel auch auf die Jugend aus und eventuell auch auf die öffentliche Meinung."

- aus: Radio Irreparabel XXXV / Herrentierwitze (07.11.2016)





"Warum Tiere kein Gewissen haben", steht fett auf der Titelseite einer Wochenzeitschrift, und noch ohne in die Ausgabe hineingeblättert zu haben, um die Antwort auf diese Frage zu erfahren, die natürlich gar nicht als Frage gemeint ist, aber eine erstaunliche Menge an Fragwürdigkeiten in eine einzige Formulierung hineinzupacken versteht, ahnt man bereits den Grund: na weil sie kein Zeitschriftenabo haben! Erübrigt es sich, weiterführende Fragen zu stellen? Wie etwa diese: Was sind das für Tiere, die für sich sowohl ein Gewissen als auch Gewissheit über die Gewissenlosigkeit aller anderen Tiere beanspruchen? Are we smart enough to know how smart animals are? Dem Titel des jüngsten Buches des Verhaltensforschers Frans de Waal könnte man noch hinzufügen: Sind wir gewissenhaft genug, um es überhaupt wissen zu wollen?

Im anregenden Diskussionsband "Primaten und Philosophen" nehmen verschiedene Wissenschaftler Stellung zu de Waals These, die menschliche Moral sei nicht vom Himmel gefallen, sondern habe evolutionäre Wurzeln, die wir mit anderen Tieren teilen, so etwa im Bereich der Empathiefähigkeit. An einer aufschlussreichen Stelle räumt auch - Verzeihung, ich bin versucht zu sagen: sogar - eine gestandene Kantianerin wie Christine Korsgaard ein, "dass uns bei der Behandlung unserer Mitgeschöpfe behaglicher zumute ist, wenn wir glauben, dass gegessen und getragen zu werden, Objekt von Experimenten zu sein, gefangen gehalten zu werden, zur Arbeit gezwungen zu werden und getötet zu werden nicht im Entferntesten dem ähnelt, was es für uns bedeuten würde. Und dies wiederum kommt uns umso wahrscheinlicher vor, je weniger sie uns in ihrem Gefühlsleben und in ihren kognitiven Prozessen ähneln."

Seit Jeremy Benthams berühmtem Diktum "The question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer?" ist mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft bis hin zur prozessoptimierten Massentierhaltung das Ausmaß der animalischen Leiden zweifellos in gewaltige Höhen geschnellt. Gleichzeitig hat die Wissenschaft großartige Fortschritte erzielt: Sie hat mit Charles Darwin und in Folge mit der Entdeckung des genetischen Erbmaterials unsere evolutionäre Verwandtschaft mit anderen Tieren offengelegt, und sich zuletzt (nach einem behavioristischen Blackout im 20. Jahrhundert) mit der vergleichenden Verhaltensforschung auf einen bahnbrechenden Weg zu neuen Erkenntnissen über die kognitiven Fähigkeiten anderer Tierarten gemacht, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Um sich heute noch einreden zu können, dass z.B. für Schweine oder Rinder am eigenen Leib erfahrene Gewalt nicht im Entferntesten dem ähnelt, was sie für uns bedeuten würde, muss man schon einem besonders störrischen artspezifischen Solipsismus frönen. Selbst wenn man andere Tiere unbedingt mit menschlichen Maßstäben der Intelligenz messen will, was fragwürdig genug ist, und ihnen vergleichsweise nur die kognitive Ausstattung von 1-, 2- oder 3-jährigen Menschenkindern attestiert, wäre es dann gerechtfertigt, sie nach Belieben zu verwursten? Vielleicht weil sie ihre Schmerzen gar nicht philosophisch würdigen können? Wer hier ja sagt, ist selbst beim Theory-of-Mind-Test durchgefallen.

Eine offensive Strategie der eigenen psychischen Entlastung wurde unlängst in der Wochenendbeilage einer Tageszeitung präsentiert (Der Standard vom 25.2.2017). Sie besteht darin, auf vermeintliche menschliche Alleinstellungsmerkmale wie Vernunft und Gewissen von vornherein zu pfeifen und sich in Abgrenzung zu ach-so-weichherzigen "Moralisten" ganz hard-boiled maskulin eine kräftige, mit Irrationalismus gewürzte Portion Grausamkeit zu gönnen. Das liest sich dann verharmlosend burschikos ("Von jemand wie Bob würde ich auch geschlachtet werden wollen.") und kann sich mit beachtlichem Mut zur Peinlichkeit schon bis zum Blutrausch steigern: "Im Hotel wartete meine Verlobte auf mich. Inmitten der Blutlachen fasse ich den Entschluss, mit ihr Schluss zu machen. Dann überlege ich mir, dass ich sie eigentlich lieber totficken würde. Ich werde aus dem Bett ein Meer aus Därmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheiße machen. Ich war noch nie so geil wie im Schlachthaus." Möglicherweise kommt sich der Autor bei solchen Passagen vor wie der legitime Erbe von de Sade und Georges Bataille, schreibt im Gegensatz zu diesen aber keine tabulose Literatur, sondern entwertet seine dumpfe Ich-steh-dazu-Reportage nur noch zusätzlich mit der Ästhetisierung einer realen, industriell betriebenen Gewalt. Erst am Ende, nach erfolgreicher Erbringung seines Härtebeweises erlaubt er sich, in widerwilliger John-Wayne-Lakonie einen weichen Kern anzudeuten, der freilich nur für Artgenossen reserviert ist: Er fürchte, er komme als "Menschenaktivist" aus den Schlachthäusern. Was damit gemeint ist, bleibt unklar. Eine vor Mitgefühl mit anderen Lebewesen gefeite Form von bedingungsloser Menschenliebe? Klar erscheint nur, dass er jederzeit bereit ist, dafür Schweine abzustechen.

Gurken und Weintrauben. Kapuzineraffen essen letztere viel lieber als erstere. Und sie zeigen sowohl passive als auch aktive negative Reaktionen, wenn Artgenossen für die Erledigung einer Aufgabe mit Weintrauben belohnt werden, sie selbst aber für die Erledigung der gleichen Aufgabe nur Gurken bekommen. Dieses berühmte Experiment von de Waal deutet allem Anschein nach auf einen auch bei Kapuzineraffen vorhandenen Sinn für Fairness hin, der sich im Protest gegen ungleiche Belohnung für gleiche Leistung äußert. Kritiker, die nicht glauben können oder wollen, dass möglicherweise auch andere Tiere als der Mensch über ein rudimentäres Gerechtigkeitsempfinden verfügen, behaupten gerne, die rabiaten Kapuzineraffen würden sich in diesem Experiment gar nicht unfair behandelt fühlen, sondern empfänden einfach nur Neid. Ein Argument, das - aber hallo! - auf frappante Weise anthropomorphistisch erscheint, neigen Vertreter der Spezies Homo sapiens doch auch dazu, von ihren eigenen Artgenossen vorgebrachte Forderungen nach einer gerechteren Gesellschaft als bloße "Neiddebatte" abzutun. Den Kapuzineraffen ergeht es hier wie gestandenen Kapitalismuskritikern: nicht ein verletztes moralisches Empfinden wird ihrem Protest zugestanden, sondern allein niedere Motive lägen ihm zugrunde. Ein gewichtigeres Argument lautet indes: Erst wenn auch der bevorzugte Kapuzineraffe protestieren und von sich aus mit dem benachteiligten Artgenossen teilen würde, wäre der Beweis für einen höheren Gerechtigkeitssinn erbracht. Man braucht sich allerdings nur Statistiken zur Vermögensverteilung anzuschauen, um - nein, die Gier is ka Hund - zu erkennen: Dieser Beweis steht auch für die Menschen noch aus.

- aus: Radio Irreparabel XXXIX / Über die Entstehung der Lesarten (06.03.2017)





"[V}on den Tieren", zitiert Noam Chomsky Charles Darwin, "unterscheide sich der Mensch bloß durch seine fast unendlich größere Fähigkeit, die verschiedenartigsten Laute und Ideen zu assoziieren". In seinem Buch "Was für Lebewesen sind wir?", meiner Urlaubslektüre, hält Chomsky die anderen Tiere offenbar ganz kartesianisch - in diesem Punkt allerdings ohne Anflug von Zweifel - für von Trieben und Reizen gesteuerte Automaten, von denen sich der Mensch als sprachbegabter Herr über sein eigenes Denken fundamental unterscheide. Das scheint mir ein kurioser philosophischer Atavismus zu sein. Schon der zitierte Darwin konstatierte, der Unterschied zwischen Tier und Mensch sei nur graduell, nicht grundsätzlich. Und David Hume, den Chomsky ebenfalls gerne für seine argumentativen Zwecke anführt, schrieb an anderer Stelle: "Aus der Ähnlichkeit der äußeren Handlungen der Tiere und derjenigen, die wir selbst ausführen, schließen wir, dass auch ihre inneren Handlungen den unseren gleichen; und wenn wir nach demselben Prinzip noch einen Schritt weitergehen, so sehen wir uns genötigt zu schließen, dass, da ihre inneren Handlungen den unseren gleichen, die Ursachen, aus denen beide entspringen, gleichfalls übereinstimmen müssen. [...] Mir nun erscheint keine Wahrheit einleuchtender als die, dass die Tiere ebensogut wie der Mensch denken und mit Vernunft begabt sind." Also bitte ... und im Übrigen, lieber Mister Chomsky, lässt sich die letztlich doch nur gewaltlegitimierende Entwertung anderer, mit uns verwandter, ebenso wie wir wahrnehmungs-, empfindungs- und empirischen Befunden der jüngeren Kognitionsbiologie gemäß auch denkfähiger Lebewesen mit ihrem überzeugenden Plädoyer für den Anarchismus schwer in Einklang bringen. Wir haben doch alle den natürlichen Drang, uns frei zu entfalten. Und nicht nur aus meiner Sicht müsste ein zu Ende gedachter Anarchismus nicht nur herrschaftsfreie menschliche Organisationsformen zu bilden versuchen, sondern auch gegen die Unterdrückung von anderen Tieren, insbesondere sogenannter Nutztiere, ankämpfen. Auch wenn diese keine Bücher oder Gerichtseingaben schreiben, sind wir durchaus in der Lage, ihre Bedürfnisse zu erkennen, die artspezifischen ebenso wie die artübergreifenden (etwa das Bedürfnis, keinen Schmerz zu erleiden).

Ebenso wie schon La Mettrie die kartesianische Überheblichkeit ad absurdum führte, indem er zeigte, dass eine postulierte animalische Automatenhaftigkeit auch die "Maschine Mensch" miteinschließen müsste, wurde ja auch der behavioristische Reiz-Reaktions-Schematismus zuerst in der Psychologie, dann in der vergleichenden Verhaltensforschung durch ein experimentell höchst fruchtbares Erkenntnisinteresse an innerpsychischen Prozessen abgelöst.

Also was soll das Gerede, Affen seien von einer "blühenden geschäftigen Konfusion" umgeben, hätten "nur ein Durcheinander von lockeren Assoziationen"? Da müsste man sich doch fragen, warum diese armen Wesen in ihrer Verwirrung nicht ständig mit dem Kopf gegen Äste knallen, und wie sie es überhaupt schaffen, im Dschungel zu überleben, und das ganz ohne Smartphone! Im Übrigen fühle auch ich mich von einer blühenden geschäftigen Konfusion umgeben. Und mag die menschliche Sprache auch potenziell, rein rechnerisch unendlich sein, faseln die Medien, ob kommerziell oder sozial, doch nur schwachsinnig von Kopftüchern, und die neoliberale Lobby quakt verlässlich wie eine Aufziehpuppe "Wettbewerbsfähigkeit" und "Flexibilisierung" ... Also, Mister Chomsky, ich muss Ihnen schon sagen: Der "kreative Gebrauch der Sprache" besteht in der Regel darin, ausgefeilten Unsinn zu reden. Wir brauchen uns wirklich nicht allzu viel einzubilden auf unsere von Ihnen analysierte - Zitat - "Fähigkeit, ein unendliches Spektrum hierarchisch strukturierter Ausdrücke zu bilden, die von unseren kognitiven und sensomotorischen Systemen interpretiert werden können", wobei "atomische[...], alles in allem wortartige[...] Elemente [...] in diese Berechnungen eingehen".

Ihre Linguistik erscheint ja ans informatorische Ideal eines rechenstarken Computers angelehnt, wobei das menschliche Gehirn nicht nur die Hardware- und Software-Architektur, sondern auch den subjektiven Anwender enthält, der das Ganze mit freiem Willen in unendlicher Kreativität zu nutzen pflegt, und sich nicht nur seichte Youtube-Videos reinzieht. Das erinnert mich mit Verlaub an Günther Anders und die "Antiquiertheit des Menschen" , der sich in der Scham über seine Unzulänglichkeiten an die Perfektion einer Maschine anzupassen versucht. Wozu dann noch andere zu kartesianischen Automaten degradieren? Zitat Anders: "[D]ie Idee, die Einzelspezies ‚Mensch' als gleichberechtigtes Pendant den abertausenden und voneinander grenzenlos verschiedenen Tiergattungen und -arten gegenüberzustellen und diese abertausende so zu behandeln, als verkörperten sie einen einzigen Typenblock tierischen Daseins, ist einfach anthropozentrischer Größenwahn. [...] Solche Definitionen scheinen deshalb plausibel, weil in ihnen [...] das tierische Dasein als Vergleichsfolie benutzt wird und dabei ‚das Tier' (selbst eine bereits ad hoc erfundene Abstraktion) als Gefangener seines Spezies-Schicksals, also als unfrei, vorausgesetzt wird. Die Verifizierung dieser Voraussetzung ersparte man sich, sie galt (nicht zuletzt durch theologische Tradition) als selbstverständlich."

Chomskys Theorie einer universellen inneren Sprachstruktur ist höchst interessant, aber sind Imaginationen und andere sensorische Vorstellungen nicht mindestens ebenso wichtige Bestandteile des Denkens? Frans de Waal schreibt in seinem jüngsten Buch: "Now that I think of it, my distrust in language goes even deeper, because I am also unconvinced of its role in the thinking process. I am not sure that I think in words, and I never seem to hear any inner voices. This caused a bit of an embarrassment once at a meeting about the evolution of conscience, when fellow scholars kept referring to an inner voice that tells us what is right and wrong. I am sorry, I said, but I never hear such voices. Am I a man without a conscience, or do I - as the American animal expert Temple Grandin once famously said about herself - think in pictures?"

Na ja. Auch wir mögen fressen, scheißen, brunzen, ficken (oder unaufhörlich darauf hinarbeiten), aber wir tun das ja reflektiert, aus freiem Willen und mit reichlich Tiefsinn, gell? Und wir können weiterhin getrost allen empirischen Befunden der Menschheitsgeschichte zum Trotz unsere mentalen Fähigkeiten für das Höchste auf Erden halten, ist schließlich auch mit Trump als gewähltem Führer der freien Welt unser massiv angewachsenes Arsenal von Techniken der Weltmanipulation endlich in verantwortungsvollen Händen. Aber im Grunde ist uns das eh wurscht, wenn wir Chips fressend vor der Glotze hängen: Es gibt immer einen anderen, unterhaltsameren Kanal! Was für Lebewesen wir nicht sind …

- aus: Radio Irreparabel XLI / Eidechsenlinguistik (01.05.2017)





Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho (bekannt geworden durch Filme wie "The Host" und "Snowpiercer") hat einen neuen Film gedreht. Okja, die Titelfigur, ist eine mutierte Riesensau und beste Freundin eines Mädchens namens Mija. Ein US-amerikanischer Nahrungsmittelkonzern, dessen CEO von der famosen Tilda Swinton gespielt wird, hat Okja allerdings für seine sinistren Verwertungspläne vorgesehen. Mija reist ihrem nach New York verschleppten Lieblingsschwein nach, um es zu retten, und trifft dabei eine Gruppe subversiver Aktivisten der Animal Liberation Front. Die Turbulenzen eines entbrennenden Kampfes führen Mija und Okja schließlich ins finstere Herz der Fleischindustrie. Wie schon in Snowpiercer verbindet Bong Joon-Ho auch in Okja skurrile Science-Fiction-Action mit antikapitalistischer Gesellschaftskritik. In seinen eigenen Worten: "Ich wollte einen Film drehen, der die uralte Frage nach dem Verhältnis von Kapitalismus und Natur behandelt. Denn wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, die uns glücklich macht, aber die Kehrseite sind schwindende Ressourcen und Tiere, die zwar mit uns leben, aber leiden müssen." Bong Joon-Ho schreckt dabei nicht davor zurück, die Brutalitäten der Massentierhaltung anschaulich in Szene zu setzen, was besonders im harten Kontrast zu der berührenden Freundschaft zwischen Mädchen und Riesensau einige Wirkung entfalten dürfte und - so eine Filmbesprechung in der Süddeutschen - "noch Generationen von Kindern zu Vegetariern erziehen" könnte. Klarerweise sind manche gestandene Rezensenten, die ja nicht mehr mit unvoreingenommenen Kinderaugen schauen, mitunter äußerst irritiert, wenn Kritik an industrieller Ausbeutung nicht einmal vor ihrem eigenen Teller Halt macht. Was auch lustige exegetische Volten zeitigt: So sprach etwa die Presse am Sonntag (21.5.) von einer "populistischen Tierschutz-Botschaft", im Standard (20.5.) dagegen wird so getan, als handle es sich eher um eine Anti-Tierschutz-Botschaft, und behauptet, der Regisseur lasse - Zitat - "auch am fehlgeleiteten Fanatismus von Tierschützerlobbys kein gutes Haar" (wow, nicht nur Fanatismus, sondern sogar fehlgeleiteter, fast ein bisschen mit Abwertung überfrachtet). In der London Times wiederum echauffiert sich ein Journalist furchtbar darüber, dass in Okja ALF-Aktivisten als Helden dargestellt werden. ("The Animal Liberation Front, whose members have been convicted in Britain of arson and conspiracy to blackmail, are portrayed as heroes in Okja.") Na also was jetzt? Werden die bösen Tierrechtler als Helden dargestellt, oder wird kein gutes Haar an ihnen gelassen? Da wollen zwei in dieselbe Kerbe hauen, aber jeder steht in einem anderen Wald. Plausibel könnte natürlich sein, dass Bong Joon-Ho seine ALF-Charaktere als widersprüchliche Figuren zeichnet, mit überwiegend guten, aber auch schlechten, mit intelligenten, aber auch klamaukhaft-naiven Seiten. Bei den Filmfestspielen in Cannes brachte er auf die Frage eben jenes empörten Times-Journalisten seine grundsätzliche Sympathie mit den Anliegen der ALF zum Ausdruck, auch wenn er - Zitat - "nicht zu 100 Prozent" mit ihren Methoden übereinstimme. Oh, my goodness! How terrible! Äh, um was geht's schnell nochmal in Okja? Möglicherweise darum: Auch noch die letzte Sau ist ein empfindsames Individuum wie du und ich. Aber kaum einen Menschen interessiert's. Der hohe Unterhaltungswert dieses Films hält offenbar immerhin knapp zwei Stunden davon ab, wie sonst gemeinhin üblich wegzuschauen, wenn's um die industriellen Barbareien der Massentierhaltung geht, die man sich einfach zu gerne schmecken lässt. Ich finde den Film jedenfalls toll und kann ihn nur empfehlen! (Na sicher, ich schau ihn mir dann eh auch an.)

"Je suis sale. Les poux me rongent. Les pourceaux, quand ils me regardent, vomissent."" (Lautréamont, Les Chants de Maldoror)

- aus: Radio Irreparabel XLII / Nausea Cruises (05.06.2017)





In der EU ist es nun verboten, rein pflanzliche Produkte unter dem Namen Milch oder Käse zu verkaufen, auch wenn Produkte durch spezifizierende Wortkombinationen z.B. als Soja-, Mandel- oder Hafermilch gekennzeichnet sind. Die Bezeichnung "Milch" ist laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs Produkten vorbehalten, die aus der - Zitat - "normalen Eutersekretion" von Tieren gewonnen werden. Ausgenommen vom Verbot sind nur "Erzeugnisse, deren Art aufgrund ihrer traditionellen Verwendung genau bekannt ist", etwa Kokosmilch.

Um ärgerlichen Missverständnissen auf Konsumentenseite vorzubeugen, soll damit offenbar die bisherige Tradition, wie sie uns heute "genau bekannt" ist, als Nonplusultra festgeschrieben, und zumindest in den europäischen Supermärkten ein weiterer terminologischer Wandel ein für alle mal unterbunden werden. Gut so! Hätte es den Europäischen Gerichtshof und die konservative Landwirtschaftslobby vor 1000 Jahren schon gegeben, wäre es heute zu unser aller Wohle gesetzliche Vorschrift, in der Kühlabteilung althochdeutsch zu sprechen. Oder zumindest statt Milch "miluh" zu sagen. Sprache schafft Bewusstsein! Selbst wenn, aller juristischen Pasteurisierung der Semantik zum Trotz, die Sojamilch mittlerweile, wenn auch zum Glück nicht in den Regalen, so doch skandalöserweise im Duden steht, als "aus Sojabohnen gewonnenes Getränk von weißlicher Farbe und milchiger Konsistenz".

Die Konservativen sind verständlicherweise süchtig nach Konservierungsmitteln und -methoden. Da wird versucht, Gott und das Wirtschaftswachstum in die Verfassung zu schreiben, um längst überholte Konzepte ein wenig länger haltbar zu machen. Und wenn du Verwesung riechst, kann eben nur mit deiner Nase was nicht stimmen. Na he! Wäre die Papierindustrie ebenso ultrahocherhitzt wie die Milchwirtschaft in ihrem anti-alternativen Lobbying, gäbe es sicher auch schon ein Verbot, PDF-Versionen von Zeitungen unter dem Namen "E-Paper" zu verkaufen, weil da ja verdammt noch mal keine Cellulose drin ist. Und dass Zuckeraustauschstoffe wie Xylit als Birkenzucker verkauft werden dürfen, also bitte, auch die Zuckerindustrie ist da viel zu schleißig ...

Na ja. Lèche-moi le cul. Wie Getränke von weißlicher Farbe und milchiger Konsistenz genannt werden, ist im Grunde eh völlig sojawurscht. Niemand, der fähig ist, einen Einkaufswagen zu schieben, ohne sich schwer zu verletzen, hätte Sojamilch mit Kuhmilch verwechselt, und wird auch jetzt nicht, wenn er eine pflanzliche Alternative zu tierischen Produkten sucht, irrtümlich zu letzteren greifen. Obwohl ich die Bezeichnung "Heumilch" ja kurzfristig verwirrend fand, weil ich's nicht wirklich glauben konnte: Lässt sich Milch wirklich aus Heu herstellen? Schön wär's eigentlich.

Nicht "genau bekannt" ist mir übrigens auch, was an der "Eutersekretion" von wie Maschinenteile in Fabriken eingespannten Kühen "normal" sein soll? Die chronisch entzündeten Zitzen? Das Wegnehmen der Kälber gleich nach der Geburt? Die künstliche Dauerschwängerung? Der superbillige Literpreis? Die idyllischen Bilder auf der Verpackung, die einer vorsätzlichen Irreführung gleichkommen? Und wie Hilal Sezgin in der taz vom 14.6. kommentierte: "Brauchen wir den EuGH wirklich, um solche Produktionsverhältnisse zu schützen? Besser wäre der Umkehrschluss: Dann kommt ab jetzt nichts mehr in den Kühlschrank, wo ‚Milch' draufsteht." Für Kokosmilch ließe sich ja eine Ausnahme machen.

* * *

Wos tun's n da so von oben herab moralisieren? Sie kommen sich wohl als was Besseres vor. Also diese Überheblichkeit! Sie san sicha a Veganer.

Und wenn man ist, was man isst, sind Sie sicher ein Würschtl. Tschuldigen schon, ich wär eh auch eines, aber zu Sojabolzen ohne Schlachtschuss darf man das ja bald nicht mehr sagen.

Na da hammas: Sie halten sich für was Besseres, gell?

Ich halte mich selbst für ein Scheusal, punkt. Jede weiterführende Komparatistik überlasse ich gerne Ihnen. Kann damit nix anfangen. Wenn ich Utitilarist wär, hätt ich schon längst nen Bilanzsuizid begangen. Ich finde es aber lustig, wenn mir ein Gefühl moralischer Überlegenheit unterstellt wird. Da geht's mir wie Charlie Brown in diesem Peanuts-Cartoon, in dem er seinen Baseballhandschuh einem anderen Kind borgt, das ihn dann aber nicht zurückgeben will, woraufhin sie in Streit geraten, und Charlie Brown irgendwann mit dem Vorwurf konfrontiert wird, es glaube, er sei was Besseres, und Charlie Brown ist zuerst ganz baff, weil er es gar nicht für möglich gehalten hat, irgendwer könne glauben, er, Charlie Brown, glaube, er sei etwas Besseres, und letztlich schenkt der glückselig lächelnde Charlie Brown dem anderen Kind dann einfach seinen Baseballhandschuh.

Wenn Sie noch einmal "Charlie Brown" sagen, hau ich Ihnen in die Fresse.

Lustig ist auch, dass der Vorwurf, man wolle sich ja nur besser als andere vorkommen, oftmals gerade von jenen erhoben wird, die sich einem kaufkräftig-konsumistischen "Lifestyle" verschrieben haben, also distinguierte Mode, Kosmetik etc. propagieren, und da wäre es natürlich eine boshafte Unterstellung zu behaupten, das hätte irgendetwas damit zu tun, sich besser als andere vorzukommen. Selbst noch der verschnöseltste Konsum ist selbstlos, keine Frage, aber selektive Konsumverweigerung ist heutzutage ja sowas von egomanisch! Pfui! Also ehrlich gesagt: Wäre ich geneigt, Menschen auf ihre Meinungen zu reduzieren, käme ich mir wirklich "als was Besseres" vor als die, ...

Na da hammas!

… aber ich würde kläglich daran scheitern, mir was darauf einzubilden.

- aus: Radio Irreparabel XLIII / Foxtrott (03.07.2017)





"Handeln statt heucheln", unter diesem vielversprechenden Titel schrieb die Tierkolumnistin einer Wochenzeitschrift unlängst, der Verzicht auf Fleisch und andere tierische Produkte würde gegen die Torturen der Massentierhaltung nichts helfen, denn "würden die sogenannten Nutztiere nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion gebraucht, könnten sie bald ihre Existenzberechtigung verlieren." (Und sie meint das offenbar ernst.)
Also mal abgesehen davon, dass manche Philosophen behaupten, es sei generell von Vorteil, nicht geboren worden zu sein, würde sich bei den heute üblichen Tierhaltungspraktiken wohl niemand, auch nicht die zitierte Journalistin, wenn sie ehrlich zu sich ist, bei der Frage "Schwein oder nicht sein?" für ersteres entscheiden. Wer wirklich die Existenz an sich als höchsten Wert betrachtet, müsste konsequenterweise nicht nur die Abtreibung, sondern auch die Verhütung ablehnen, und im Übrigen, päpstlicher als der Papst, das Sexualleben in den Dienst einer Maximierung der Nachkommenschaft stellen, sprich: ungeschützt herumvögeln, was das Zeug hält.
Nach einer Schätzung machen die Menschen ca. 32 % der globalen Biomasse von Landwirbeltieren aus, nur 3-4 % dagegen Wildtiere, und die restlichen 65 % sind sogenannte Nutztiere. Diese werden milliardenfach gezüchtet, in einer gewaltigen Überpopulation, und zwar zum einzigen Zweck ihrer kontinuierlichen Vernichtung, die sich wie Jacques Derrida schrieb "über die Organisation und Ausbeutung eines künstlichen, infernalischen, virtuell unendlichen Überlebens [vollzieht], unter Bedingungen, die Menschen früherer Zeiten für monströs gehalten hätten".
Während unter den Wildtieren derzeit ein menschengemachtes Massenaussterben, wie es früher nur globale Katastrophen wie Meteoriteneinschläge verursachten, zu verzeichnen ist, muss man sich um die Existenz von Hausschweinen, von denen allein in Österreich jährlich über fünf Millionen geschlachtet werden, also nicht unbedingt Sorgen machen und - handeln statt heucheln! - aus Tierschutzgründen zum nächsten Würstelstand eilen.
Die zitierte Kolumnistin tut dies übrigens auch nicht. Sie schreibt: "Besteht auch nur der geringste Zweifel, dass das Tier nicht artgerecht gehalten wurde, lehnen Sie ab." Dies kann ungeheuchelt eigentlich nur einem angewandten Veganismus gleichkommen, außer man lässt sich in Schweizerhaus und Co. auf die Frage "Kommt die Stelze eh aus artgerechter Haltung" vom Kellner mit einem launigen "Na sicha, des Schweindal kummt frisch ausm Wellness-Urlaub" abspeisen, ohne dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

- aus: Radio Irreparabel LVIII / Growing tired (01.10.2018)





Es gibt viele intelligente Menschen, denen das, was in der Haltung von sogenannten Nutztieren tagtäglich praktiziert wird, und auch gesetzlich erlaubt ist, auf schändlichste Weise kriminell erscheint. Manche von ihnen, darunter der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari, behaupten sogar, die Massentierhaltung sei eines der größten Verbrechen der Geschichte. Hararis Bücher verkaufen sich prächtig, wohl nicht weil, sondern obwohl er in ihnen (am Rande) immer wieder auf dieses Verbrechen hinweist. Andere, weniger gefällig lesbare Werke werden eher peinlich berührt totgeschwiegen. Es verstößt gegen die Benimmregeln unserer Zivilisation, unverblümt über die Gräueltaten zu sprechen, auf denen sie beruht: "Was in den Zucht- und Schlachtanstalten der sogenannten zivilisierten Nationen geschieht, gehört, alles erwogen, zu dem wohl stärksten Verbrechen, das zurzeit auf Erden zu registrieren ist; es gehört mit zu einem Problem von allergrundsätzlichster Bedeutung." So der Schriftsteller und James-Joyce-Übersetzer Hans Wollschläger in seinem 1987 erschienenen Essay "Tiere sehen dich an" oder Das Potential Mengele. Und weiter: "Es ist ein Menschenproblem, und das heißt: es prallt bei seinen tastend kriechenden Lösungsversuchen unweigerlich an jener Grenze ab, wo die Herrschaft des Stammhirns und seiner Grundantriebe beginnt, der elementaren Komponenten des Willens zur Macht: Habgier, Gewinnsucht, Fraß-Süchtigkeit im weitesten wie im engsten Sinn."

Warum gilt es als abscheulichstes Verbrechen, wenn Menschen "wie Tiere" behandelt werden? Weil "Tiere" routinemäßig auf abscheulichste Weise behandelt werden. Sie werden von selbsterklärten Herrennaturen als niedere, moralisch wertlose Wesen eingestuft. Sie werden ihrer Freiheit beraubt und unter elendsten Bedingungen eingesperrt. Sie werden für grausame Experimente missbraucht. Sie werden in Transportfahrzeuge gepfercht und ihrer industriell organisierten Vernichtung zugeführt. Man kann - und sollte gerade im deutschsprachigen Raum vielleicht auch öfter - auf Nazi-Vergleiche verzichten (wenn man nicht gerade wie Wollschläger eine größere sadistische Symptomatik psychoanalytisch zu erfassen versucht). Nicht verzichtet werden kann jedenfalls darauf, das Verbrechen an von Menschenhand unterworfenen Tieren, solange es begangen wird, immer wieder beim Namen zu nennen: eine industriell betriebene Massenvernichtung, die nicht erst im Schlachthaus beginnt, sondern schon mit der Geburt in ein allen Entfaltungsmöglichkeiten beraubtes Leben. Dieses Leben ist von Beginn an vernichtet und - das ist das Infernalische daran - muss dennoch wieder und wieder milliardenfach geführt werden. Es wird für die, die es zu verkörpern haben, vielmehr von anderen geführt: von den Betriebswirten einer prozessoptimierten Massenvergewaltigung, durch die alles, was "Zweck an sich selbst" (im Sinne Christine Korsgaards) sein will, auf bestialische Weise zu einem bloßen Produktionsmittel deformiert wird.

- aus: Radio Irreparabel CIV (23.08.2022)





Carol J. Adams, Zum Verzehr bestimmt (Originaltitel: The Sexual Politics of Meat). Eine feministisch-vegetarische Theorie, Guthmann-Peterson, Wien und Mülheim a.d. Ruhr 2002

Jacques Derrida, Das Tier, das ich also bin (Originaltitel: L'animal que donc je suis), Passagen Verlag, Wien 2010

Jonathan Safran Foer, Tiere essen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010

Karl Kraus, Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen, Die Fackel, November 1920, S. 6-10

Bernd Ladwig, Politische Philosophie der Tierrechte, Suhrkamp, Berlin 2020

Manuela Linnemann (Hg.), Brüder - Bestien - Automaten: das Tier im abendländischen Denken, Harald Fischer Verlag, Erlangen 2000

Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit, Verlag C.H. Beck, München 2014

Leo Tolstoi, Clara Wichmann, Elisée Reclus, Magnus Schwantje u.a., Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2010

Frans de Waal, Are We Smart Enough to Know How Smart Animals Are?, Granta Books, London 2016

David Foster Wallace, Consider the Lobster, in: Consider the Lobster and Other Essays, Abacus, London 2007

Hans Wollschläger, "Tiere sehen dich an" oder Das Potential Mengele, Haffmanns Verlag, Zürich 1989

Neuere literarische Werke:

Jean-Baptiste Del Amo, Tierreich, Roman, Matthes & Seitz, Berlin 2019

Agustina Bazterrica, Wie die Schweine, Roman, Suhrkamp, Berlin 2020

Nadja Niemeyer, Gegenangriff. Ein Pamphlet, Diogenes, Zürich 2022

(außer Konkurrenz:) Mathis Zojer, Die Blutnektarine, ein Vampirroman für junge Leute, Edition Buche, Stainz 2011






Dies ist eine nicht-kommerzielle literarische Publikation von Mathis Zojer, Wien - Radio Irreparabel auf Orange 94.0