Ehe & Aeronautik

Von hochfliegenden Ideen, dem Kapitalismus untreu zu werden, rät eine Schweizer Qualitätszeitung ab. Eine satirische Glosse.

Die altehrwürdige Neue Zürcher Zeitung erscheint zusehends von Sorge erfüllt. "Er lebt und lebt und lebt", seufzt es dem Leser in der internationalen Ausgabe vom Samstag, dem 6. April 2019 auf Seite 22 entgegen. Auch wenn wir uns im Feuilleton befinden, handelt es sich bei dem, der da partout nicht tot sein will, obwohl er es doch sollte, um keine Figur aus Game of Thrones. Die Rede ist vom Sozialismus. Zwar liest man andernorts, dass derzeit ein ganz anderes Gespenst in Europa umgeht, aber so schwach die linken Gegenbewegungen auch sein mögen, natürlich sind sie weitaus gefährlicher als die rechten. Zumindest fürs Kapital, von dem es in der Schweiz dem Vernehmen nach reichlich gibt. Ironischerweise finden gerade unter jungen Eidgenossinnen und -genossen politische Ideen linksgrüner Fasson wachsenden Zuspruch. Und weil die Schweiz nicht Venezuela werden darf, lässt die NZZ den Autor des griffig betitelten Buches "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung" vorrücken, um die bedrohliche Lage auszukundschaften. "Die Fiktion bleibt, der Sozialismus sei eine gute Idee, die bis jetzt nur schlecht ausgeführt worden sei", schreibt er indigniert. Nur ein Trick mache diese Fiktion möglich, und der bestehe darin, den Kapitalismus "nicht mit den realen historischen Erfahrungen sozialistischer Experimente" zu vergleichen, sondern mit der vagen Utopie einer gerechten Gesellschaft. Das sei "genauso fair, wie wenn man seine Ehe nicht mit anderen Ehen vergleichen würde, sondern mit romantischen Schilderungen in Groschenromanen aus der Bahnhofsbuchhandlung."

Liebesgrüße aus Moskau

Wie aufschlussreich können doch die Unterschiede im gewählten Vergleich sein! Der Marxismus, sagte Dietmar Dath einmal in einem Interview, liefere "einen soliden Begriffsrahmen, der durch die Geschichte der Sowjetunion und ihr unschönes Ende so wenig außer Kraft gesetzt ist wie die Aeronautik durch die Abstürze der ersten Flugmaschinen." Während der Luftikus Dietmar also schon fast abhebt, will das NZZ-Feuilleton die Ehe vor romantischen Ausbruchsversuchen bewahren und nicht einmal einen Seitensprung in die Bahnhofsbuchhandlung wagen. Geschweige denn zum Flughafenkiosk. Hier wie dort wäre auch kaum ein Werk von Karl Popper erhältlich gewesen, der von der bürgerlichen Presse gerne schlagwortartig zitiert wird, zum Induktionsproblem aber immerhin anmerkte, dass von der Beobachtung weißer Schwäne nicht darauf geschlossen werden könne, dass alle Schwäne weiß sind. Es könnte durchaus auch schwarze geben. Oder sogar rote.

Grüezi, Comandante!

Aber was liest dann der Bünzli, wenn er im Zug sitzt? Eher nicht die NZZ vom Montag, dem 8. April, in der ihm auf Seite 19 die Überschrift entgegenlachen würde "Und täglich winkt die Ehefrau", mit der Unterzeile: "Gewohnheiten machen den Alltag vielleicht grau. Aber richtig grau wird es erst, wenn wir sie verlieren." Wohl wahr, irgendein der Bahnhofsbuchhandlung entnommener Schundroman in 50 Grautönen ist nicht so lesenswert wie ein Artikel von Paul Jandl, aber sein Lob des Alltags hat schon auch gewisse SM-Nuancen. Ob's die Ehe aufpeppt, ihr allein wegen der Struktur, die sie dem Alltag gibt, dankbar zu sein für die tägliche Bondage-Session, die nur Bewegungsfreiheit genug lässt, den Kopf zu schütteln über die eigenen törichten Töchter und Söhne, wenn sie wieder mal ihr Gemüt von einem rabiaten Golden Ager wie Jean Ziegler aufpeitschen lassen? Ach, könnte man ihnen doch die Ohren verstopfen, bis sie selbst alt genug sind, um sich an den Mast binden zu lassen und ungerührt den Sirenengesängen zu lauschen! Bis dahin heißt es unbeirrt rudern, rudern, auf den Schulbänken BWL büffeln, Praktika absolvieren, Karriere machen, bis man irgendwann selbst auf der Kommandobrücke steht, und dann erst - denn es "bedarf einer intensiven und disziplinierten intellektuellen Auseinandersetzung mit der freien Marktwirtschaft, um diese zu verstehen und deren Vorzüge wertzuschätzen" (NZZ vom 10. April, Seite 19) - steuert man endlich souverän, immer mit dem Flaggschiff der konservativen Qualitätspresse vor Augen, an allen nebelverschleierten, riffumsäumten Utopias vorbei - wohin? Na chom, in den sicheren Hafen natürlich.

Musiktipp: Züri West, I verabschiedemimau





Dies ist eine nicht-kommerzielle literarische Publikation von Mathis Zojer, Wien - Radio Irreparabel auf Orange 94.0