Die ökonomische Libertinage

Ausschweifende Assoziationen zum "kapitalistischen Surrealismus" (Metz/Seeßlen)

Vieles von dem, was Metz und Seeßlen als "kapitalistischen Surrealismus" beschreiben, erscheint altbekannt: die sogenannte Kreativität, die unaufhörlich an ihrer eigenen Kommerzialisierung arbeitet, eine fortschreitende Selbstentwirklichung in Warenästhetik, ein affirmativer Konsumismus, der sich im Vorstellungsraum der Produktimages zuhause fühlt wie ein Fisch im Wasser (und nicht wie die bleiche, von parasitären Lachsläusen zerfressene Aquakultur-Leiche, die er in sich herangezüchtet hat). Welche neue Ungeheuerlichkeit, vom schon zu lange währenden Schlaf der Vernunft geboren, hat also ihr hässliches Haupt erhoben und demonstriert ihre Gesellschaftsfähigkeit gerade dadurch, dass sie über die allgemeine Unfähigkeit, etwas zu bilden, was sich Gesellschaft nennen könnte, nur ein schamloses Hohnlachen übrig hat? Was ist das für ein luzider Alptraum, in dem sich das flüchtende Ich wie in einer Welt aus zerkautem und wieder ausgespuckten Kaugummi festklebend nur noch in Zeitlupe fortbewegen kann?

Es ist kein Königsweg für alle, so viel steht fest. Und gewiss ist es auch nicht die poetisch ebenso vertiefte wie überhöhte, in sich keimend ins Offene aufbrechende Wirklichkeit des Surrealismus als Kunst- und Literaturform. Diese Wirklichkeit wirkt vielmehr eingestampft, plattgemacht, als wäre die Welt zur Scheibe gepresst (als die sie sich voreilige Kosmologen schon vorstellten), eine rotierende Vinylwelt, die alte Leier in unendlichen Remixes wiedergebend. Und wenn sie bisweilen auch hüpft, die Nadel bleibt immer in der Rille. Das Kratzen und Rauschen des Aufbegehrens mischt sich in die fetten Loops, immer wieder herbeizitiert vom gespenstischen Grammophon des alten, sich im Kreis um eine Scheinwelt drehenden Gedankens. Von der Kritik der Kulturindustrie in der "Dialektik der Aufklärung" (1944) über die "Gesellschaft des Spektakels" von Guy Debord (1967) bis zu den Meta-Hyperrealitäten der sich in Simulakren ihrer selbst verlierenden Postmoderne: Die Aktualität, an der die Analysen nichts eingebüßt haben, scheint schon allzu lange zu währen. Der Geist ist dazu verdammt zu bleiben. Er heult und rasselt mit den Ketten, aber nur im wohlfeilen Billy-Regal, in das er eingeschlichtet wurde. Wozu der ganze Spuk, fragt sich da manch deprimierter Hauntologe, und geht Matsutake-Pilze in den Ruinen des Spätkapitalismus suchen.

Weiterhin rast der Stillstand, kommt der Fortschritt nicht vom Fleck. Die ganzen technologischen Innovationen, all die gerade hippen, morgen schon veralteten Messenger-Dienste, die Killer-Apps, die disruptiven digitalen Plattformen, all die Smartphones und 5G-Netze täuschen nicht darüber hinweg. Aber die Erkenntnis, dass es nichts wirklich Neues gibt, ist eben auch schon ein alter Hut. Der kapitalistischen Gesellschaft, gezeichnet von langwährendem Wundstarrkrampf, die finale Phase ihrer agonischen Zuckungen zu attestieren, hat sich schon zu oft als magisches Wunschdenken entpuppt. Immerhin scheint das falsche Bewusstsein in seine psychotische Phase überzugehen, das Delirium wird sich selbst immer klarer. Eine zynische Nichts-ist-wahr-alles-ist-erlaubt-Abgeklärtheit, die im konstruktivistischen Wissen um die Fiktionalität der Begriffe keinerlei Diskussionsbedürfnis mehr verspürt, greift um sich und appelliert an die Vernunft, sich als müßige Rationalisierung des ganz normalen Irrsinns selbst zu verwerfen. "Während die Aufklärung versuchte, die Bedeutung der Dinge und ihre Beziehungen zu erklären und ihren Gebrauch in Mythos und Herrschaft zu kritisieren, konstatiert die Abklärung, dass so viel Bedeutung gar nicht sein muss." (Metz/Seeßlen, S.168)

Umstritten ist nur das, was wahr oder falsch ist, auf dem Markt aber wird man sich immer auf einen Preis einig. Obwohl sie lügt, ist Werbung gesellschaftlich akzeptiert, gerade weil jeder Mensch weiß, dass sie lügt. Aber auch Politik gehorcht immer mehr den Regeln des Marketing. Mag die Welt schon immer nur Schleichwerbung für Wille und Vorstellung gewesen sein, heute tritt sie als Reklame offen zu Tage, und je unverschämter sie auftritt, desto erfolgreicher ist sie. Industrielle Großverbraucher von fossilen Brennstoffen, die sich als Verfechter von "Nachhaltigkeit" und "Umweltschutz" inszenieren, Massentierhaltungsbetriebe, die mit "Tierwohl" werben: "Der Selbstwiderspruch als surrealistische Technik ("Ceci n'est pas une pipe" lautet René Magrittes Unterschrift des unmissverständlichen Bildes einer Pfeife) setzt sich im Pop und in der Werbung fort und wird im kapitalistischen Surrealismus schließlich konventionelle Praxis. Der größte Dreck wird "rein" genannt." (Metz/Seeßlen, S.100)

Die Menschen indes sind zur Mitarbeit verdammt, zu zusehends sinnlos gewordenen Beschäftigungen in Jobs ohne jeglichen gesellschaftlichen Nutzen außer jenem, den Kreislauf des Kapitals am Laufen zu halten. Dabei darf man sich entweder mit der systemimmanenten Zwangsvorstellung unbeschränkt möglichen Wachstums selbst beschwindeln oder auch schon in schicksalsergebener Gelassenheit Wetten auf den genauen Zeitpunkt der Apokalypse abschließen. Weil es nun mal so rennt. Weil das eben der Lauf der Dinge ist: ein abstruses Karussel der Investments und Renditen, des Sozialabbaus im Dienste des Standortwettberbs, des Zwangs zur prekarisierten Selbstausbeutung, der autoaggressiven Selbstkommodifzierung, des Start-up-Kults, der pulsmessenden Smartphone-Apps und Energydrink-Marken-Grands-Prix.

Der Typus der Stunde ist der Horrorclown. Solange die Jahrmarktsmusik spielt, wird er tanzen und mit obszönem Grinsen seinen Unfug treiben, für ihn ist alles Klamauk, für ihn sind alle Menschen nur Schießbudenfiguren, und unter Liberalismus versteht er seine persönliche Narrenfreiheit, die darin besteht, kleine Kinder mit Zuckerwatte hinters Zelt zu locken und sich am Entsetzen des Publikums zu ergötzen. "Der kapitalistische Surrealist betritt den öffentlichen Raum mit der Absicht, die anderen zu erschrecken." (Metz/Seeßlen, S.91)

Ein sich selbst vielleicht noch für realistisch haltender, unfreiwilliger Surrealismus findet sich in den medialen, reflexhaft um Post-hoc-Rationalisierung bemühten Apologien dieses immer offensichtlicher verrückt spielenden, aber vermeintlich alternativlosen Systems. Jeden Tag, an dem man die Zeitung aufschlägt, staunt man aufs Neue über die Wortverdrehungen, Sinnpermutationen, terminologischen Umkehrungen ins Gegenteil, über all diese abenteuerlichen Vertauschungen der Identitäten, die bisweilen, natürlich frei von dessen Poesie, an das von André Breton erfundene Spiel "L'un dans l'autre" erinnern, in dem einer von zwei verschiedenen, völlig beliebigen Begriffen so beschrieben werden muss, als wäre er eigentlich der andere.

Die "Welt" vom 25. Juni 2020: Anlässlich des Publikwerdens skandalöser Zustände in deutschen Fleischfabriken wird im Leitartikel auf Seite 3 dazu aufgerufen, die offensichtlichen Missstände in einer durch Ausbeutung von Arbeitskräften, Tierqualen und Umweltverschmutzung geprägten Industrie durch hemmungslosen Konsum zu bekämpfen. Zitat. "Wer etwas ändern will, sollte aufhören, sich und anderen ein schlechtes Gewissen zu machen." Weiterblätternd stößt der geneigte Welt-Leser auf Seite 13 auf eine weitere revolutionäre Einsicht, diesmal aus der Finanzredaktion, die mit der Schlagzeile aufwartet: "Erbschaften verkleinern Ungleichheit". Seinen Erkenntnishunger stillt das Feuilleton wiederum, indem es auf Seite 21 zur "Verteidigung des Fleisches" ausrückt und munter alle Klischees eines ressentimentgeladenen Antivegetarismus aufmarschieren lässt, bevor es zur Conclusio kommt: "Wollen wir eine Tierart retten, müssen wir sie essen". Die Tönnies-Schweinderln sagen Danke.

Im Unterschied zu eingefleischten Gewohnheiten scheinen externe Sachverhalte leichte Manövriermasse zu sein. Dinge sind Ansichts- und Interpretationssache, überdies wird uns in Zeitungen dieser oder jener Tendenz täglich vorexerziert, dass es Willkür ist, welche Fakten zitiert und welche unberücksichtigt bleiben. Geschult in Dialektik und Dekonstruktion, oder zumindest im davon abgeschauten Gestus, mit allen Abwassern postmoderner Relativierungen gewaschen, suchen uns die Apologeten des "business as usual" weiszumachen, dass die Kritik, die an der Ordnung der Dinge geübt wird, nicht haltbar sei. Die Macht des Faktischen regiert in umso größerer Fülle, je gründlicher sich das Gerede von selbst entleert. "Die Aufgabe der Nachricht ist, die Welt zum Verschwinden zu bringen, damit das Subjekt mobil, geschmeidig, cool und kreativ ist." (Metz/Seeßlen, S.172)

Nicht nur frei von Poesie, sondern die künstlerische Revolte gegen die unerträglichen Banalisierungen des Lebens in ihr brutales Gegenteil verkehrend, ist es, wenn ein (letztlich erfolgreicher) Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Staaten damit prahlt, er könne mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschießen, ohne Wählerstimmen zu verlieren - eine unbewusste, aber umso treffsicherere Karikatur der nach Breton einfachsten surrealistischen Handlung: mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings in die Menge zu schießen. Der imaginierte Amoklauf des gegen einen verstümmelten Alltag aufbegehrenden Dichters feiert seine ironische Rückkehr als Allmachtsfantasie eben jenes einst bekämpften Schwachsinns, der sich seines Sieges mittlerweile sicher sein kann. Der mörderische Trottel braucht keine Angst vor besseren Argumenten zu haben, wenn es genügt, an die dunklen Triebe derer zu appellieren, die es gar nicht besser wissen wollen.

Unter diesen Voraussetzungen kann man nur hoffen, dass die Horrorclowns von heute ihr ideologisches Instrumentarium zur Erzeugung von Schockeffekten nicht ernst genug nehmen, um morgen die Führerrolle in einem seriösen Schreckensregime zu übernehmen. Es würde ihnen letztlich auch nur die Show stehlen, denn ein in Massengräbern verschwundenes Publikum lässt sich nicht mehr mit Twittermeldungen provozieren. Die notorischen Besserwisser mit haarsträubendem Unsinn zu quälen, macht mehr Spaß, überdies dient es dem Zweck, eine sowieso schon mystifizierte Kundschaft in postfaktischer Beliebigkeit zu trainieren, ihr also den völligen Realitätsverlust als Selbstermächtigung zu verkaufen. Mit der Realität hat sich auch jede Diskussion um Eigentumsverhältnisse und sonstige nebulöse Dinge an sich in heiße Luft aufgelöst. Selbstlos unterrichten funktional analphabetische Milliardäre ihre Wählerschaft der Rednecks und Hillbillies in der Écriture automatique. Wird auf der symbolischen Ebene nur mehr politischer Surrealismus praktiziert, drohen von ihr auch keine ideellen Trickle-down-Effekte, die das materielle Fundament durchfeuchten könnten. Die Loser in ihren Substandard-Wohnungen, in ihren hypothekenbelasteten Bruchbuden sollen sich mit den freien, nein, wirtschaftsliberalen Assoziationen begnügen, die ihr Unbewusstes bildet, anstatt sich in Solidargemeinschaften zusammenzuschließen. Alle Regungen der Seele, die nicht marktkompatibel sind, müssen ebenso verdrängt bleiben wie der allfällige Impuls, den Mahnungen und Räumungsbescheiden mit Cut-up-Methoden immerhin Materialwert abzugewinnen.

Die alpenländische Version der perhorresziert-clownesken Ronald Mcdonalds sind die Red Bull Brothers from Austria. Ansonsten befindet man sich in Österreich noch in der guten alten Tradition der schwarzen Romantik (oder auch der türkisen), insbesondere des Kunstmärchens. Der unheimlich-automatenhaften Aufziehpuppe von Bundeskanzler werden die mechanisierten Sprechakte wohl weniger vom Unbewussten diktiert, als vielmehr von musterschülerhaft auswendig gelernten PR-Broschüren der Industriellenvereinigung. Und das ist die schaurig schöne Moral der Geschichte: Wer allzu sehr an den Markt glaubt, wird selbst zum Produkt.

Es wäre verführerisch, dem kapitalistischen mit einem sozialistischen Surrealismus zu kontern, es wäre verführerisch, Lust aus einer Fiktionalität zu gewinnen, die zärtlich vorantastend ins Faktische eindringt, anstatt sich - Pardon - von ihm ficken zu lassen. Aber diese Amour fou müsste bloße Tagträumerei bleiben, wenn dem kapitalistischen Realismus, auf dem immer noch alles basiert, nicht aus seiner suizidären Verengung aufs vermeintlich Alternativlose geholfen werden kann.





Dies ist eine nicht-kommerzielle literarische Publikation von Mathis Zojer, Wien - Radio Irreparabel auf Orange 94.0