Über (ungefähr) mich

Autopoiesis eines Radiosendungsbewusstseins

Wie jeder Autor, der kein Mistkerl ist, gebe ich Roland Barthes recht und sehe mich im Werk verschwinden. Als Rezipient meiner selbst habe ich immerhin den Vorteil, dass die existenziellen Erfahrungen, denen in diesem Werk auf mehr oder weniger gut gelungene Weise eine künstlerische Form verliehen wird, in jedem Fall auch meine sind. Und es besteht immer die Hoffnung, dass man mit den Dingen, die einem durch den Kopf schwirren, nicht alleine ist. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Schädel wäre eine Fliege gefangen, deren Summen nur sie alleine hören können. Erzählen Sie anderen davon, werden Sie die meisten vermutlich für verrückt halten. Irgendjemand aber wird vielleicht freudig rufen: "Ja, das kenne ich! Ich habe auch so eine Fliege in meinem Schädel!" Für diesen erfolgreichen Akt der Verständigung, dessen Möglichkeit ich meinen bescheidenen publizistischen Eifer widme, ist es nun irrelevant, ob das Wort "Fliege" für beide wirklich das Gleiche bezeichnet oder gar völlig gegenstandslos ist, denn natürlich könnte der Schädel im einen oder anderen Fall auch leer sein (frei nach § 293 in Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen"). Leute wie ich bevorzugen eben Sprachspiele, bei denen die Verdorbenheit bereits zu den Regeln gehört. Und was ist das Ziel? Der Fliege den Ausweg aus dem Schädel zu zeigen (vgl. § 309).

Sie merken bereits, dass ich gerne abschweife, wenn's um mich geht. Und das ist weniger Koketterie als der Königsweg, um zum Wesentlichen zu kommen: Ich verstehe mich selbst als eine einzige Themaverfehlung. Die fortwährende Abschweifung kommt dem am nächsten, was sich sinnvollerweise über mich aussagen lässt. Wenn Sie's genau wissen wollen: Ich bin ein transzendentales Ego, das rastlos durch die endlosen Zimmerfluchten der Sprache irrt und dabei mit seinen Ketten aus Grammatik rasselt. Und jetzt zu etwas anderem! Oder warten Sie, eines noch: Dem Zen-Buddhismus zufolge gibt es gar kein konstantes Ich, das im Lauf der Zeit mit sich selbst identisch bliebe, nur einzelne Bewusstseinsmomente, die aufflackern und wieder vergehen. Will man sie zu einem Subjekt zusammenfassend benennen, bräuchte man ein Oxymoron und müsste schon von individualisiertem Gesindel sprechen. So etwas Ähnliches steht, glaube ich, auch in Hesses Steppenwolf. Und schon im vielleicht gar nicht so seltsamen Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde wagte Stevenson "die Vermutung, dass der Mensch am Ende als ein bloßes Gemeinwesen aus verschiedenartigen, nicht zueinander passenden und voneinander unabhängigen Bewohnern angesehen wird." Ja, in unserem kleinen referenziellen Netzwerk der weisen Worte fühlen wir uns zuhause. Und leider auch in dem der weniger weisen. Sei es das Bonmot, an dem wir uns erbauen, oder aber die nörgelnde Stimme im Kopf, die uns quält, im Wesentlichen denken und sprechen wir nur in Zitaten. Wir sind die Enzyklopädisten unserer jeweiligen Rezeptionsgeschichte. Alles hat man schon irgendwo, irgendwann einmal gehört (auch das). Und die vermeintlichen Urheber haben ihrerseits abgeschrieben. Das Plagiat ist notwendig, wusste Isidore Ducasse. Wahrscheinlich sind wir nur dann, wenn wir falsch zitieren, originell.

Wo waren wir? Ach ja, dass ich immer darauf hinarbeite, in Selbstvergessenheit zu geraten! Das gelingt mir am besten, wenn ich alleine bin. Ohne den versteinernden Blick der anderen und so. Im Für-mich-Sein, oder wie das bei Sartre heißt. In jedem Fall, da geb ich ihm recht, ist es schon ein Gfrett mit der Existenz. Existenz, wie das schon klingt! Dieses ecks am Anfang, und am Schluss dieses ts … Als hätte man einen Klecks auf der Hose, der sich nicht herunterwischen lässt: ts, wie existenzetzlich! Ich bin ja insofern Gnostiker, als ich diese Welt für eine Zumutung halte, nur glaube ich nicht an einen Schöpfer, dem man seine offensichtliche Stümperei natürlich nachtragen müsste. Dem Kosmos einen Tritt, aber einen elegant beschwingten à la Walter Serner! Eigentlich bin ich Nihilist, das aber im optimistischen Sinne: Besser als nichts - ist nichts! Am Ende bzw. danach kommt das Beste, denn all das Leidige am Leben bleibt einem Toten erspart, und die Freuden kann er nicht vermissen. Ludger Lütkehaus hat ein philosophie- und literaturgeschichtlich reichhaltiges und zudem sehr amüsantes Buch darüber geschrieben: 758 Seiten, in denen es um nichts anderes geht als um sage und schreibe - Nichts. Den Freitod habe ich immer für eine formidable Option gehalten. Bereits ihr Vorhandensein mildert das Bedürfnis, sie zu nutzen. Der vom Tod besessene Schweizer Bonvivant Hermann Burger wusste: "Wer ein Leben lang reflektiert über den Selbstmord, ist weniger gefährdet - der Totologe würde sagen: weniger begabt - als der plötzlich von der Selbstzerstörung Ergriffene. Cioran sagt, das Meditieren über die Tat mache fast ebenso frei wie der Akt selbst." (Tractatus logico-suicidalis, Ziffer 485)

Um hier nicht nur die Autobiografie meiner Vita contemplativa zu schreiben, sei noch gesagt, dass ich Krähen mag, aber auch selbst gefundene Steine und Stöcke. Steine und Stöcke haben für mich etwas Beruhigendes an sich, sie sind handfest, begreifbar im besten Sinne, und sie gehen auch nicht so schnell kaputt wie der ganze restliche Krempel, den man zuhause hat. Übrigens kann man die Dinge immer auch anders sehen. Nachdem Aldous Huxley Meskalin eingenommen hatte, weiteten sich ihm die Pforten der Wahrnehmung, und sein Blick verlor sich im Gewebemuster seiner Hose, im Faltenwurf, in den Farbschattierungen, ja, ein kleines Stück Stoff genügte ihm, um selbstvergessen "the miracle of naked existence" zu bestaunen, sei nun ein Klecks drauf oder nicht. "‚This is how one ought to see, how things really are.' And yet there were reservations. For if one always saw like this, one would never want to do anything else." Fassen wir das bisherige zusammen: Ich bin ein fest im Leben stehender Suizidär, ein gottloser Gnostiker, ein optimistischer Nihilist, ein Eklektiker der Worte, Steine und Stöcke, im Übrigen gibt es mich gar nicht, zumindest nicht im Singular, nur im plebejischen Plurali in persona, und in unserem Werk wollen wir alle verschwinden.

Im Speziellen interessiere ich mich für Prozesse der psychischen Zerrüttung (und ich bin gut darin, sie in mir in Gang zu setzen). Es gibt so etwas wie eine - vordergründig libidoökonomische, aber auch ästhetische, moralische, politische - Funktion der menschlichen Defekte, so wie spiegelbildlich das Defekte am gesellschaftlichen Funktionieren unübersehbar ist. Ronald D. Laing beschrieb die innere Vernunft des Wahns im schizophrenogenen familiären Umfeld, Mark Fisher die Depression als Konsequenz einer doppelten menschlichen Entwertung durch die kapitalistische Gesellschaft, die ihre unteren Schichten im Elend hält und ihnen gleichzeitig einredet, sie seien selbst dafür verantwortlich. Die einsame, wirr vor sich brabbelnde Straßenbahnpassagierin hält eine politische Rede, die aussagekräftiger ist als die der Ministerin in der Nachrichtensendung. Der betrunken lallende Obdachlose ist der glaubwürdigere Prediger als der Kardinal. Und auch den wohlstandsbürgerlichen Mangelerscheinungen der Psyche wohnt eine Poesie inne, die das abwesende Wahre anklingen lassen kann.

Cool, emotionslos bleiben, die Stimme so wenig erheben wie der smarte Sprachassistent, und routiniert wie ein autonomes Elektrofahrzeug durchs Leben gleiten, das ist das Ideal der von "prometheischer Scham" (Günther Anders) erfüllten Menschenkinder, die sich ihren eigenen, ach so hippen Produkten anzugleichen versuchen, ohne es je schaffen zu können. Schachweltmeister wirst du vielleicht mit ferngesteuert vibrierenden Kugeln im Arsch, die dir die Züge der KI übermitteln. Nur dabei, unsere eigene Obsoleszenz zu planen, sind wir unschlagbar. Die instrumentelle Vernunft arbeitet technologisch hochgerüstet an der Transformation aller Dinge dieser Welt in Konsumartikel, letztendlich also in Müll. Was uns kaputt macht, muss nicht mehr kaputt gemacht werden, es geht gerade, an seinen immanenten Widersprüchen zerbrechend, von selber kaputt. Wir haben vielmehr die Reparatur einer Hoffnung zu verlangen, die in den letzten Jahrzehnten zusehends zerstört wurde. Nur diese heute utopischer denn je anmutende Hoffnung auf eine bessere, eine gerechte Gesellschaft schützt uns vor der Resignation (im engeren, im beengenden Sinn) und davor, tatenlos zusehen zu müssen, was aus dem Trümmerhaufen kriecht.

Zwischendurch aber haben wir unsere Dysfunktionen zu feiern, als kleinere oder größere Jubilare dessen, was von Anbeginn an in uns revoltiert. Und wir dürfen im Argen, in dem die Verhältnisse liegen, ruhig auch ein wenig den Poltergeist spielen, zumal für jene, die sich allzu bequem in ihm einrichten. Die Menschenmaschine hat eine Schraube locker, das Sandmännchen tanzt ums Getriebe. In der Fabrikskantine erzählen wir einander irre Parabeln, wir radikalisieren uns: Reibungslos geht's dem Kren nicht an die Wurzel! Und wir erinnern uns endlich: "verrueckt will ich werden sein & bleiben" (Norbert C. Kaser). Wir kehren den staubigen Sinn von der symbolischen Ebene, bis sie im nackten Wahnsinn glänzt, dann machen wir Feierabend und entgleisen fröhlich drauf pfeifend im fahrplanmäßigen Dienste der psychischen Entlastung. Und wir danken allen Mentaltrainern und Life-Coaches, allen Fitness- und Meditationsapps, allen Lebens-, Wohlfühl-, Karriere- und sonstigen Ratgebern dafür, dass sie einen Hohn in uns schüren, der uns ein wenig wärmt in der Kälte, in der wir zum Irreparablen an uns stehen. Ich will, was ich muss. Hartknopfs Motto der Resignation (ein Begriff, der im 18. Jahrhundert noch etwas anderes bedeutete als heute, etwa auch Hingabe, Gelassenheit. Siehe die Anmerkung zu Zeile 28f. auf Seite 14 der Reclam-Ausgabe, Stuttgart 2001, von Karl Philipp Moritz' Allegorie "Andreas Hartknopf").

Pardon, ich bin ins Manifesthafte abgeglitten. Ich mag Brot und esse es auch gerne. Überhaupt kennzeichnet mich eine gewisse orale Gier. Ansonsten bin ich eher ein ungeselliger Mensch, aber ich befürworte den Sozialismus. Den demokratischen, oder noch besser einen in anarchistischer Ausprägung. Amtlich postierte Macht über andere zu haben, fördert die Charakterbildung allem Anschein nach nicht. Obwohl ich meine, dass ich ein guter Diktator wäre. Merdre! (Père Ubu) Eine halbwegs aufgeklärte Gesellschaft müsste ohne in Staatsgewalt und Kapitaleigentum institutionalisierte Herrschaft auskommen. Allfällige Bedürfnisse nach Dominanz und Unterwerfung lassen sich auch im Rahmen konsensualer Spiele in den Schlafzimmern ausleben. "Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich." (Michail Bakunin) Und auch die anderen Tiere, wäre noch hinzuzufügen. Was anthropologische Differenzen betrifft, würde ich sagen: Der Mensch ist das Tier, das seine hervorragende Intelligenz vorwiegend dazu benötigt, sich den ganzen Unsinn, der ihm von der Gesellschaft seiner Artgenossen eingetrichtert wird, wieder aus dem Kopf zu schlagen. Das ist ziemlich harte Arbeit, und im Grunde wird man nie damit fertig. "Darüber muss ich erst nachdenken", werden wahrscheinlich meine letzten Worte sein.

Ich mag Zeitungen, finde das, was drinnen steht, aber bedenklich. Über die Massenmedien herzuziehen, macht leider immer weniger Spaß und wird auch ethisch nicht mehr tragbar. Wer am Boden liegt, den tritt man nicht. Man traut sich ja fast nicht einmal mehr, "Mainstream-Medien" zu sagen. Die Rechten haben die Diktion und den Gestus linker Systemkritik für die eigene Agenda kopiert. Und dennoch gibt es ihn ja noch, den Mainstream, obwohl er sich selbst gern naserümpfend in Anführungszeichen setzt. Den Rechten zu links, den Linken zu rechts, bahnen sich seine grauwässrigen Fluten ihren mehr oder weniger ausgewogenen Weg durch die statistische Mitte des Meinungsspektrums. Diese war aus progressiver Sicht retrospektiv betrachtet selten allzu zukunftsträchtig, aber natürlich kann immer alles auch viel schlimmer kommen. Offenbar geht es gerade den Bach hinunter mit dem Mainstream, mit dem medialen und dem von ihm repräsentierten gesellschaftlichen. "Comme je descendais des Fleuves impassibles, / Je ne me sentis plus guide par les haleurs" … Trunken sind die Schiffe, und die Poeten werden Waffenhändler. Bis dahin kann man sich darauf verlassen, von den täglichen News darüber informiert zu werden, dass alles beim Alten bleibt. Da darf man ruhig auch ein wenig verdrossen sein. Und sich, um nicht trübsinnig zu werden, den eigenen Stream of Consciousness durch Zuflüsse aus berauschenderen Quellen speisen lassen.

Es gibt, lese ich bei Roland Barthes, einen Unterschied zwischen dem Unwirklichen, etwa des Liebenden, der sich fantasierend dem Imaginären hingibt, und dem Entwirklichten, das sich nicht aussprechen lässt, denn sobald man es ausspricht, lässt man es hinter sich; "ein Verrückter, der schreibt, ist nie ganz und gar verrückt; er ist ein Schwindler". Etwas auszusprechen, um es hinter sich zu lassen, ist eine Übung, die auch in dieser Sendung für Stoff bis zum Nimmerleinstag sorgen wird. Ich habe mich schon immer gerne dem - in heutigen Zeiten der psychosozialen Destabilisierung vielleicht anachronistisch anmutenden - Projekt gewidmet, den Indisponiertheiten, den Aussetzern, den mehr oder weniger regelmäßig auftretenden psychischen Ausnahmezuständen, über die im Alltag nicht geredet, über die geflissentlich hinweggeredet wird, künstlerische Geltung zu verschaffen. Was für ein schöner Satz, nicht wahr? Den könnte jemand auf meiner Beerdigung über mich sagen: Er hat sich schon immer gerne usw. "Wie steht es mit uns, wenn wir, entgiftet, erfahren, was wir sind? Wir sind unter Schwätzern verloren, in einer Nacht, in der wir den Anschein des Lichtes, der vom Geschwätz ausgeht, nur hassen können." (George Bataille)

Willkommen heiße ich dagegen das Licht, das nicht nur Schein ist, ein Wege leuchtendes, vorläufiges Licht im Sinne der Aufklärung, die mit Jean Améry gesprochen "kein fugenloses doktrinäres Konstrukt [ist], sondern das immerwährende erhellende Gespräch, das wir mit uns selbst und mit dem anderen zu führen gehalten sind." Der frankophile Améry sah 1977, ein Jahr vor seinem Freitod, die Errungenschaften der Aufklärung durch die von ihm so genannte "Hochschwätzerei" gerade von französischen Denkern wie Roland Barthes, Gilles Deleuze und Michel Foucault bedroht, aber ich glaube, dass sich die menschliche Vernunft durch Selbstkritik, die ihr einleuchtet, eher stärkt als abschafft (und leuchtet sie ihr nicht ein, geht sie ihr sowieso am Arsch vorbei). Überdies scheint es sich aus jetziger Sicht bei jener "Hochschwätzerei" um intellektuelle Luxusphänomene gehandelt zu haben, die wir uns leisten konnten, als Esprit im Überfluss, während in der heutigen Zeit der grassierenden Wissenschaftsfeindlichkeit und des arbiträren Herbeifantasierens alternativer Fakten noch einmal mit dem aufklärerischen Einmalseins anzufangen wäre. Ja, die Welt ist Wille und Vorstellung, aber: "Die Vorstellung von Realität sichert durch ihre eigene Ambivalenz die Autopoiesis kognitiver Operationen." (Niklas Luhmann)

Ich mag fremdwortlastige Sätze, die ebenso wahr wie praktisch irrelevant sind. Für das Betriebssystem der konstruierten Wirklichkeiten wäre ein fettes Update ausständig, aber die Hardware packt es nicht. Ich bin eine Fledermaus im ideologischen Überbau bröckelnder materieller Verhältnisse und schnappe nach den Motten, die ich am Widerhall meiner Schreie erkenne. Das internalisierte Publikum sichert durch die ihm eigene Impertinenz die Autopoiesis meiner kognitiven Operetten. "Schandwerk, Schandwerk!", ruft es und sodann, weil es sich nicht lumpen lässt: "Zugabe, Zugabe!" Also gut, ich gebe zu: Ich bin allzu konzentriert auf meine eigene Zerstreuung. Nicht nur wegen meiner Soziophobie fühle ich mich wohl hier, beneath the Underground, im Obskuren herumlungernd, und halte es mit Henry David Thoreau: "I would rather sit on a pumpkin and have it all to myself, than be crowded on a velvet cushion."

(November 2022)





Dies ist eine nicht-kommerzielle literarische Publikation von Mathis Zojer, Wien - Radio Irreparabel auf Orange 94.0